Ausbildung: Yogis als Ersthelfer

Was macht eine Yogalehrerin, wenn eine Schülerin bei der Atemübung zu hyperventilieren beginnt und nicht mehr aufhören kann? Oder wenn plötzlich eine Körperhälfte eines Schülers kraftlos wegsackt? Oder sein Arm auskugelt? Es wird erwartet, dass eine Kursleiterin oder Kursleiter Ruhe bewahrt und das Richtige tut. Deshalb fangen Yogaschulen an, Erste-Hilfe-Kurse für Yogalehrende zu organisieren. Yogaservice.de nahm bei Spirit Yoga in Berlin an einem teil.

Was heutzutage in einem Erste-Hilfe-Kurs gelehrt wird, beruht auf sehr viel Erfahrung aus ungezählten Unfällen, Katastrophen und Krankheitsfällen. Und die vielen drastischen Erzählungen des Ausbilders gehören wohl zu einem echten Erste-Hilfe-Kurs-Erlebnis dazu. Sie sorgen unter den Teilnehmern anfangs zwar für verlegenes Kichern. Aber das vergeht einem relativ bald und weicht dem dankbaren Gefühl von „Puh, gut dass ich das jetzt weiß!“

Die vermittelten Kenntnisse sind in Deutschland genormt, schnörkellos und zielen buchstäblich zupackend direkt aufs Wesentliche. „Was ist Bewusstsein?“ fragt der ehrenamtliche Ausbilder Stephan Lehmann. Und bevor sich ein Teilnehmer an dieser Stelle zu einem spontanen philosophischen Yogatalk aufgerufen fühlt, sagt der Mann vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) gleich die Definition. Die sitzt, auch wenn man ihn nachts um drei aus dem Tiefschlaf reißt: „Ansprechbarkeit, räumliches und zeitliches Orientierungsvermögen!“ Wenn also ein Verletzter da liegt, spricht man ihn erst einmal an: „Hallo, können Sie mich hören?“ Ganz einfach. Oder vielleicht doch nicht?

Theoretisch hat jede Yogalehrerin und jeder Yogalehrer Erste-Hilfe-Kenntnisse, der einen Führerschein besitzt. Aber wie lange liegt das zurück? Und vieles macht man heute ganz anders als vor zehn Jahren. Um ein Hauptthema vorweg zu nehmen: Die „Wiederbelebung“ wird heute nicht mehr wirklich so genannt, das ist jetzt eine „Herzdruckmassage bei Kreislaufstillstand“ – weil man sich gar nicht mehr der Illusion hingibt, ein Ersthelfer könne den Bewusstlosen „wiederbeleben“. Ersthelfer übernehmen vielmehr den Job seines Herzens und halten dessen Kreislauf manuell so lange in Gang, bis der Krankenwagen kommt. Und das dauert in einer Stadt wie Berlin in der Regel acht Minuten. Also hat das jeder von uns im Kurs auch einmal acht Minuten lang üben dürfen: Zwei Atemstöße auf 30 mal mit ganzem Körpergewicht aufs Brustbein drücken, ungefähr im Rhythmus des Bee Gees Songs „Stayin' Alive“. Der Song passt dem Titel nach zwar irgendwie zu einer lebenserhaltenden Massnahme, ist aber zu kurz. Ein Ersthelfer rockt in der Regel doppelt so lang. Mach das erstmal, das schafft Bewusstsein.

Man lernt hier nur durch Tun. Auch wenn wir genau hinschauten, wie der Ausbilder einen Verletzten in die stabile Seitenlage brachte oder den Motorradhelm abnahm – es machten beim ersten eigenen Versuch dann doch alle die gleichen Fehler. Die Handgriffe müssen sitzen. Deshalb schreibt das Arbeitsschutzgesetz Betrieben ab einer bestimmten Angestelltenzahl vor, eine entsprechende Zahl Mitarbeitern alle zwei Jahre zu einem eintägigen Auffrischungskurs in Erster Hilfe zu schicken. Melden sie sich dafür einen Tag zu spät an, muss es wieder der vorgeschriebene Erste-Hilfe-Kurs mit mindestens einer Nacht zwischen den Kurstagen sein. Sie können auch den alle drei Jahre wiederholen, nur länger darf der Kurs nicht zurückliegen. Eintägig ist ansonsten nur der Kurs „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“, bei den einschlägigen Anbietern oft mit „LSM“ abgekürzt. Er genügt für den PKW-Führerschein, nicht aber für Trucker und Ersthelfer im Betrieb. Für all jene Yogalehrer, die sich nicht vorstellen können, dass sie im Unterricht einmal einem verletzten Motorradfahrer den Helm abnehmen müssen, gibt es einen Trost: Wenn es mit dem Unterrichten am Monatsende nie reicht, hätten sie schon mal den Erste-Hilfe-Kurs für einen LKW-Führerschein in der Tasche.

In Yogalehrerausbildungen wird in der Regel darauf hingewiesen, dass viele Studios einen aktuellen Erste-Hilfe-Kurs zur Voraussetzung für das Engagement eines Yogalehrers machen. Für die besseren Studios ist allein eine Frage der Betriebsphilosophie, dass sich ihre „Kunden“ auch im Notfall sicher bei ihnen fühlen können. In der Einstellungspraxis hört man allerdings selten, dass ein Yogalehrer nach seinem Ersthelfer-Pass gefragt wird. Ihre Auftraggeber setzen meist voraus, so der Standpunkt des Verbands deutscher Fitness- und Gesundheitsunternehmen (VDF) zum Beispiel, dass die „Trainer“ – und damit auch Yogalehrer – Ersthelfer-Kenntnisse in ihrer Ausbildung vermittelt bekommen haben. Das geben wir an dieser Stelle ohne Kommentar an die ausbildenden Yogaschulen weiter.

Die Teacher Trainees können dafür einen der üblichen Wochenendkurse besuchen. Allerdings schaffen Yogaschulen, die wie Spirit Yoga mit dem DRK einen exklusiven Kurs für die eigenen Lehrer veranstalten, mehr Raum für Fragen, die speziell den Yogaunterricht betreffen. So kann der Ausbilder neben den vorgeschriebenen Inhalten (Motorradhelm etc.)  auf die Themen stärker eingehen, die auch im Teaser dieses Artikels angestimmt wurden. Und hier die Auflösung: Eine hyperventilierende Schülerin muss beruhigt und zu einer tiefen Ausatmung gebracht werden. Das gelingt etwa, indem man sie ihren Ausatem aus den eigenen hohlen Händen wieder einatmen lässt. Sie sollte dabei zurückgelehnt sitzend von hinten gestützt werden. Eine einseitige Lähmung, und sei es nur ein Mundwinkel, der im Unterschied zum anderen, herunterhängt, kann einen Schlaganfall andeuten. Hier gilt die „golden hour“: Innerhalb einer Stunde kann eine Behandlung im Krankenhaus das Schlimmste verhindern. Und einen ausgekugelten Arm überlässt man besser gleich dem Arzt. Denn darum geht es bei Erster Hilfe: Sie muss nicht heilen. Die richtigen Handgriffe, bis Fachpersonal kommt, können schon lebensrettend genug sein.

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Artikelfoto: Yogalehrer von Spirit Yoga im Erste-Hilfe-Kurs. © Daniela Bläsing

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Das Angebot für Erste-Hilfe-Kurse ist groß. Ihre Inhalte sind, da genormt, alle gleich. Auch die Kosten zeigen kaum Unterschiede.

Für Yogaschulen empfiehlt es sich, Kursleiter einzuladen. Kooperationen bieten unter anderem das DRK und die DLRG an.

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