Yogawege: Von der Großstadt in den Dschungel

Manche träumen davon, andere machen es. Die Musikmanagerin Tania Cappelluti verließ Booking, Konzert und Party und zog von Berlin nach Costa Rica, um dort Yogaretreats zu organisieren. Im Rahmen unserer Serie „Yogawege“ sprach sie mit uns über ihre Entscheidung für Yoga, Surfen und das gute Essen ihres Lebenspartners Angus. Dafür steht sie jetzt zu einer Tageszeit auf, zu der sie im alten Beruf oft nach Hause kam.

ys: Wie definierst du für dich Yoga?
Yoga hilft mir meine innere Ruhe zu finden, (selbst)- bewusst durchs Leben zu gehen, körperlich und geistig beweglich zu bleiben und dadurch in der Lage zu sein, neue Wege zu gehen. Yoga ist ein Freund und Mentor, vor dem ich großen Respekt habe, er zeigt mir den richtigen Weg und begleitet mich durchs Leben.

ys: Wann und wie bist du zum Yoga gekommen?
Ich habe Anfang der 90er in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main mit Yoga angefangen, aber so richtig gekickt hatte es mich damals noch nicht.  Als ich Ende 2002, nach sieben Jahren Sony Music Marketing-Dauerstress, eine Auszeit in Costa Rica nahm, bekam ich dort einen Saison-Job in einer der schönsten Yoga Lodges der Welt, „Tierra de Milagros“, angeboten. Ich arbeitete in der Küche, kümmerte mich um die Blumendekorationen und um das House-Keeping. Der Deal war, dass ich Kost, Logis und Yoga-Klasse frei. Das war natürlich sensationell, da Tierra de Milagros ein Top-Geheimtipp für Yoga Gruppen aus den USA war. Es kamen die tollsten Yogalehrer mit ihren Schüler-Gruppen bei uns vorbei und blieben ein bis zwei Wochen. So lernte ich alle möglichen Styles kennen, von denen man in Deutschland bisher kaum gehört hatte.  Vor allem Schyuler Grant vom Kula Yoga Project aus New York traf mit ihrem dynamischen Vinyasa Flow direkt ins Schwarze bei mir. Mich faszinierte die lockere, humorvolle Art, mit der sie unterrichtete, wie sie ihre Schüler in die Asanas führte; ich hatte das Gefühl noch nie vorher Yoga gemacht zu haben. Auch die Anusara Yoga-Gruppe, die jedes Jahr nach „Tierra“ kam, hatte es mir sehr angetan.

ys: Du hast kürzlich deine Zelte in Berlin abgebrochen und etwas wahr gemacht, wovon andere nur träumen: Du bist „zurück“ nach Costa Rica, um dort unter anderem Yoga-Retreats zu organisieren. Wie kam es dazu?

Die Kombination aus Yoga und Surfen in Verbindung mit absoluter Natur und gesundem, vegetarischen Essen, umgeben von netten Yogis und Surfern war (und ist) für mich eine Umgebung, in der ich mich zu Hause fühle, in der ich Erfüllung spüre. Das ganze Jahr wollte ich aber nie in Costa Rica bleiben, da die Regenzeit schon sehr intensiv und einsam sein kann und ich das Großstadtleben auch sehr genieße. Also kam ich immer wieder nach Berlin zurück, um Freunde zu treffen und Geld zu verdienen. Meine Jobs reichten von Programmdirektorin der Loveparade über Künstlerbetreuung auf den MTV Music Awards bis zur Tourneeleiterin für das Tabaluga-Musical mit Peter Maffay. Sobald Jobs und Regenzeit vorbei waren, saß ich schon wieder im Flieger gen Central America.


Tania auf der Welle. © Tania Cappelluti

Schließlich lernte ich meinen jetzigen Partner, den Briten Angus Stephens kennen. Er kochte für die Yoga-Gruppen in Tierra de Milagros, er ist ein begnadeter Koch! Und er liebt das Land und das Surfen so sehr wie ich.  Allerdings wurden wir erst sieben Jahre später ein Paar, als wir uns in Kopenhagen trafen. Und beschlossen, den Winter 2011/2012 in Costa Rica zu verbringen. Ich führte von dort aus meine Künstleragentur Playkula weiter, Angus kochte für Yoga Gruppen. Wenn Angus nicht arbeiten musste, verbrachten wir die freien Tage in seinem Haus in den Bergen, am Fuße des höchsten Gipfel Costa Ricas, dem Chirripo.  

ys: Und so kamt ihr auf die Idee, Yogaretreats anzubieten, die Berg und Strand verbinden...?

Genau. Da wir die Gegensätze zwischen der tropischen Halbinsel Osa und dem Chirripo so sehr lieben. Two in One sozusagen! Deshalb der Name Chirriposa aus Chirripo und Osa. Bei einem herkömmlichen Retreat kommt man gewöhnlich im Resort an, verbringt dort sieben bis zehn Tage und reist wieder ab, ohne viel vom Land gesehen zu haben. Wir wollten das anders machen. Angus und ich begleiten die Gruppen während des gesamten Retreats. Wir holen die Gäste in San Jose ab, fahren mit ihnen über einen Bilderbuch-Pass in die Berge, wo wir, je nach Retreat-Länge einige Tage bleiben, um dann gemeinsam für die zweite Hälfte des Retreats auf die Halbinsel Osa zu fahren. Mit einem gecharterten Flugzeug fliegen wir dann von dort zurück nach San Jose.

ys: Wie muss man sich die Umgebung vorstellen?

Der Nationalpark Chirripó wurde 1983 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Dort ragen ein paar der höchsten Berge Mittelamerikas, darunter der Cerro Chirripó, in den Himmel. Reißende Bergflüsse, mystische Nebelwälder, heiße Quellen, wilde Orchideen, Orangenbäume, Kaffee-Plantagen, Käsereien, Bio-Bauern, Schmetterlinge, Paradiesvögel, Glühwürmchen... was soll ich sagen, es ist der perfekte Ort, um erstmal im Land anzukommen, Yoga zu praktizieren und zu meditieren – weit entfernt vom Massentourismus. Wir arbeiten oben in den Bergen mit dem Yogaretreat „Rio Chirripo“ und dem Shaolin Tempel „La Montaña Azul“ zusammen. Je nach Verfügbarkeit pachten wir eine der Lodges und bringen dort unsere Gäste unter, bevor die Reise weiter zur Osa Halbinsel geht. Das Klima kommt dem mediterranen Frühling nahe, tagsüber sind es angenehme 25 bis 28 Grad, nachts wird es wesentlich kühler. Man kuschelt sich also gern unter die Daunenbettdecke und lauscht den Kojoten in der Ferne...


Yoga auf der Halbinsel Osa. © Tania Cappelluti

Die Península de Osa ist eine Halbinsel im äußersten Südwesten Costa Ricas. Sie gehört zur Provinz Puntarenas am Pazifischen Ozean. Auf der Halbinsel Osa befindet sich mit dem Nationalpark Corcovado und dem Golfo Dulce einer der Plätze auf der Erde mit der höchsten biologischen Vielfalt. Immergrüner Regenwald, menschenleere Pazifikküste, Mangroven und das Süßwassersumpfgebiet: Juwelen für alle Natur- und Tierliebhaber. National Geographic hat die Gegend einmal als eine der „biologisch intensivsten Orte der Erde“ bezeichnet. Der Regenwald dort gilt als einer der ursprünglichsten der ganzen Welt. Es gibt immer noch keinen Strom, die einzige Strasse die vom nächsten Fischerdorf Puerto Jimenez dort hin führt, ist (Gott sei Dank) noch nicht asphaltiert. Das hält den Massentourismus fern. Yogaretreats finden dort aber schon seit 20 Jahren statt. Mit der Eco Lodge „Ojo del Mar“, dem Yoga & Surf Retreat „Boca Sombrero“ oder der einzigartigen „Finca Exotica“, direkt an den Pforten des National Park Corcovado, haben wir auch hier drei wunderschöne Lodges für den Beach-Teil unserer Retreats zur Auswahl.


Übungsplattform im Shaolin-Tempel. © Tania Cappelluti

ys: Du hast bisher DJs und Musiker gemanagt. Wie sieht dein typischer Tag jetzt mit Chirriposa aus?
Unsere Tage fangen immer sehr früh an (wenn ich an meinen alten Job denke... um diese Zeiten war ich teilweise noch nicht mal im Bett!). Wenn wir in den Bergen sind, stehen Angus und ich um halb sechs auf, dann ist es ist noch recht kühl, da es die Sonne erst gegen sieben Uhr über die Gipfel schafft. Nach einem Café Latte (Ja, ich habe meinen Milchschäumer aus Deutschland mitgebracht!) fahren wir rüber in die Lodge, wo unsere Gäste gerade aufwachen und sich auf die Morgenklasse vorbereiten. Wenn es die Zeit erlaubt, nehme ich daran teil, während Angus mit seiner Küchencrew einen reichhaltigen, gesunden Brunch zaubert. Ich koordiniere die Ausflüge, zu den heißen Quellen zum Beispiel, Bergsteigen, Reiten oder Paragliding, und kümmere mich um alle Gäste-Belange. Nachmittags verbringe ich meine Zeit auf der Yoga-Anlage, bin bei den Gästen und erledige kleine Jobs. Nach dem Abendessen fahren wir in unser Haus und knipsen spätestens um neun das Licht aus...

Angus bereitet den Brunch vor. © Tania Cappelluti

ys: Und am Meer?
Die Halbinsel Osa liegt rund vier Stunden Fahrt von dem Chirripo Valley entfernt. Wir fahren mit dem gecharterten Bus gemeinsam an den „Golfo Dulce“ auf die Osa. Da Angus und ich beide sehr gern surfen, versuchen wir jede freie Minute ins Wasser zu kommen. An den verschiedenen Stränden brechen sich die Wellen nur bei Ebbe oder bei Flut, deshalb bedarf es für die perfekte Welle einer genauen Tages-Planung. Und Ebbe und Flut verschieben sich auch noch jeden Tag um eine knappe Stunde, man muss also immer auf dem aktuellen Stand sein. Es kommt häufig vor, dass wir im Dunkeln aufstehen und zum Stand laufen, damit wir bei Sonnenaufgang schon im Wasser sind. Auch wenn es keine Wellen gibt, ist dies ein Ritual, das wir beide sehr schätzen, es ist unsere Meditation... Das sind die Momente, die für uns puren Luxus bedeuten. Zurück in der Lodge beginnt ein Tag mit Yoga, Delfin-Touren, Urwaldriesen-Klettern, Schwimmen, netten Gesprächen mit den Gästen und gutem vegetarischem Essen (auf Wunsch auch vegan). Das Schöne am Beach-Teil des Retreats ist, wenn man die Yogis surfen sieht: Es gibt kaum einen Moment, der die Augen unserer Gäste mehr strahlen lässt, als wenn sie zum ersten Mal auf dem Brett stehen und von einer Welle getragen werden. Yogis sind meistens sehr geschickt und die Erfolgsrate unsers charismatischen deutschen Surflehrers Axel liegt bei, naja 99 Prozent (lacht).

ys: Musik stand im Zentrum deines bisherigen Berufslebens. Wird sie dir in deiner neuen Aufgabe nicht fehlen?
Musik wird immer ein ganz großer Teil meines Lebens sein, ob ich nun DJs manage oder nicht. Ich habe meine iTunes Bibliothek jedenfalls bis oben hin voll gepackt mit meiner Lieblingsmusik. Die lasse ich dann auf unseren Busfahrten oder während des Dinners laufen. Ich habe auch für unsere Werbung Chirriposa-Compilations zusammen gestellt. Davon wird es sicherlich bald mehr geben.

ys: Dein Leben ändert sich mit deiner Entscheidung ziemlich. Woher nimmst du den Mut für solch eine Veränderung?
Nach sieben tollen, spannenden Jahren mit meiner Agentur habe ich festgestellt, dass ich mich verändern musste; ich hatte Angst zu erschlaffen. Ich springe ja auch nicht ganz ins eiskalte Wasser, da ich in den letzen Jahren, parallel zu meinem Leben in Berlin, auch schon ein Leben in Costa Rica hatte. Die Partnerschaft mit Angus gab mir auch viel Kraft, den Schritt zu gehen und meine Agentur ganz einzustellen. Auch die Tatsache, dass ich ein viel gesünderes und leichteres Leben führen werde, gibt mir Zuversicht, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich glaube, es ist wichtig, wahre Werte zu erkennen, sich selbst treu zu sein, auf Zeichen zu achten, Chancen wahrzunehmen und dafür immer flexibel und beweglich zu bleiben...  Stufe für Stufe eben. 

Casa Grande auf Osa vom Meer aus gesehen. © Tania Cappelluti

tis

Zum Thema

Weitere Infos auf der Internetseite von Chirroposa.

Für Kurzentschlossene: Ein Mountain Retreat findet über Silvester, vom 29. Dezember bis 5. Januar statt (mit Opition auf weitere sieben Tage am Strand).
Vom 22. Februar bis 4. März sind noch Plätze im Mountain & Beach Retreat frei.

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Zur Serie „Yogawege“

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