Yogaretreat: Zwischen Luxus und Versenkung

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Man könnte langsam Vorbereitungen für den Winter treffen. Dazu gehört für Luxus-Yogis mindestens eine Woche Strand und Spa samt vertrautem Yoga-Unterricht wie zu Hause, aber in einem schicken Hotel, weit weg in einem tropischen Land. Aber passen Luxus und Yoga zusammen, wie fühlt sich die Praxis dort an? Ein Selbstversuch mit Spirit Yoga aus Berlin in Khao Lak im vergangenen Winter von Till Schröder.

Januar 2012. Tief ziehe ich die Luft in meine Lungen. Sie riecht würzig und unverkennbar nach tropischem, warmem Thailand, als ich verschlafen vor das Flughafengebäude von Phuket in die milde Morgensonne schlurfe. Die Luft legt sich feucht wie ein Waschlappen auf meine Wangen, füllt meinen ganzen Körper und rückt das winterlich graue, nasse Berlin augenblicklich in weite Ferne. Tief atmen und konzentriert auf Empfindungen achten, das wird auch in den nächsten sieben Tagen die Hauptrolle spielen – beim Yoga. Patricia Thielemann, die Gründerin der Spirit-Yoga-Studios, führt hier durch sieben Tage gemeinsame Praxis. Sie ist schon vorher angereist und erwartet uns in Khao Lak an der Westküste Thailands.


Strand am Le Meridien Beach & Spa Resort © yogaservice.de

Das Le Meridien Khao Lak Beach & Spa Resort liegt eine Autostunde nördlich vom Flughafen. Die Region wirbt mit ihrer Natur; Khao Lak kann üppige Dschungel, spektakuläre Küstenkulissen und bekannte Tauchreviere vorweisen. Die Straßen säumen viele Neubauten, die meisten entstanden nach dem verheerenden Tsunami 2004. Die Verwüstungen sind heute Geschichte.


Schilder erinnern daran, dass es sich hier um eine Tsunami-Hazard-Zone handelt.
Die Vorwarnsysteme wurden aber seit 2004 deutlich verbessert.
© yogaservice.de

Der Tourismus ist die große Hoffnung der Region. Taucher kommen für Tauchferien, die Golfer für Golfferien – die meisten Yogis dagegen sagen nicht „Yogaferien“, sondern „Retreat“. Das bedeutet eigentlich usprünglich Rückzug für eine spirituelle Ruhepause, steht aber längst nicht mehr nur für Kloster und Meditation bei Schwarzbrot, Schweigegebot und gemeinsamer Gartenarbeit.

Ich treffe Patricia und die gut 20 Teilnehmer – zu zwei Dritteln waren es genauer gesagt Teilnehmerinnen – nach ihrer ersten morgendlichen Yogaklasse fröhlich plaudernd beim reich bestückten Frühstücksbüfett vor, gediegen im Halbschatten einer Pergola sitzend, zwischen Goldfischteich und Spa-Bereich. Keine Frage: Wir sind hier nicht im Kloster, sondern in einem Fünf-Sterne-Luxushotel.

„Ex Oriente lux, ex Occidente luxus“, höre ich den polnischen Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec im Geiste feixen: Aus dem (Fernen) Osten kommt das Licht, aus dem Westen der Luxus. Das lässt sich auch als Aufforderung zum Experiment auffassen: Kann man die beiden schönen Seiten der Welt nicht zu etwas neuem, noch Schöneren zusammensetzen? „Yoga hilft, ein erfülltes Leben zu verwirklichen“, sagt Patricia. „Dazu kann auch Luxus gehören – man darf nur nicht davon abhängig werden.“

Mit dem Luxus kommen auch die Luxussorgen, zum Beispiel um schlaflose Nächte und müde Tagesform aufgrund des Jetlags. Den bekommt man am besten in den Griff, wenn man sich sofort an den Tagesrhythmus des Zielorts anpasst. So begnüge ich mich mit einem kurzen Nickerchen und stehe am Nachmittag artig, mit bleiernen Beinen, auf der Matte. Auf dem Programm steht Yoga gegen Jetlag: Nach ein paar sanften Aufwärmübungen rekeln, drehen und rollen wir uns auf den Matten, bis sich der Körper warm und weich wie nach einer sanften Massage anfühlt. In der abschließenden Entspannung liegt mein Rücken schwer auf der Yogamatte. Der CD-Player spielt leise das Love Theme des Ridley-Scott-Science-Fiction-Klassikers „Blade Runner“, während mein Blick über die weißen Satinbahnen im Himmel der Wedding Chapel streift. Der Pavillon steht am Ufer eines Blütenteichs. Eine Teilnehmerin erzählt danach, sie habe einem Waran – einer Echse – ins Auge geschaut, der uns durch das Fenster zusah. Wir sind noch mit unserer Umgebung beschäftigt, das Innere will erst noch erobert werden.


Geübt wurde in der klimatisierten „Wedding Chapel“ an einem Teich mit Lotos- und Seerosen. © yogaservice.de

„Heute abend – für die, die wollen – habe ich im italienischen Restaurant einen langen Tisch reserviert“, entlässt uns Patricia. Alleinsein ist erlaubt, vor Einsamkeit schützt uns dagegen die Gruppe. An meinem Tischende sitzen drei Anwälte, die sich vom Studium kennen und in einer Fußballmannschaft trainieren. Einer von ihnen übt sonst regelmäßig bei Spirit Yoga und wollte deshalb auch beim Retreat dabei sein. Seine Freunde begleiten ihn und probierten bei dieser Gelegenheit aus, was an diesen Übungen dran sei. „Schon nicht schlecht“, sagte einer von ihnen und bestellt eine Flasche Rotwein. Um elf suche ich mit schweren Lidern mein Bett auf und schlafe wie ein Bär. Aber es klappt: Am nächsten Morgen ist der Jetlag weitgehend überwunden.

Täglich um acht führt Patricia durch eine Meditation. Die Hotelanlage liegt noch im Dornröschenschlaf, als ich zum Strand husche. Dort rollen Patricia und die anderen Frühaufsteher eine gelbe Bastmatte aus. Einheimische Mönche hatten sie uns nach der Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Tsunami am 26. Dezember überlassen.


Der Tag begann mit einer halben Stunde Meditation am Strand. © yogaservice.de

Seite an Seite nehmen wir auf der Matte Platz und blicken aufs Meer. Idyllische Ruhe liegt über Sand und Wasser, Babywellen plätschern und zischeln im Spülsaum. „Richtet euch gerade auf, rollt die Schultern zurück, schließt die Augen und werdet still“, weist uns Patricia an. Dann schweigt sie.

30 Minuten Nichtstun, geschenkte Zeit. Doch einfach nur sitzen ist nicht einfach. Gedanken bringen den Alltag zurück, kreisen, monologisieren und rütteln am Körper. Aus dem Stimmengewirr in meinem Kopf dringt der griechische Philosoph Sokrates: „Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, der du dich selbst immer mit herumschleppst“ – da hilft auch die luxuriöse Umgebung nicht weiter. Am Komfort meines Innenlebens muss ich noch arbeiten, aber dafür bin ich ja hier. Und richtig: Morgen für Morgen sehe ich mit mehr Abstand, was mir auf die Nerven geht, während mich die Morgensonne friedlich anlächelt.

Der Stil von Spirit Yoga ist körperlich fordernd und im tropischen Klima besonders schweißtreibend. Kopflastigkeit wird an einem Tag mit viel Drehübungen aus dem Körper gewrungen, am anderen Tag erdet Patricia uns mit Stehübungen, jede Muskelfaser der Beine muss ran. Wo mein „Zentrum“ liegt, wird mir in einer unvergesslichen Sequenz von Bauchübungen klar, dann üben wir unsere Fähigkeit zur Ausgeglichenheit, richtig: mit Balanceübungen wie dem „Baum“ auf einem Bein stehend, die Hände vor der Brust gefaltet. Der Körper wird zur Metapher für die wesentlichen, aber schwer zu fassenden Seiten des Lebens. Und am Abend fühle ich meinen Körper zunehmend mit einer Zufriedenheit, als hätte ich den ganzen Tag gegärtnert.


Zwei mal täglich Üben auf Boden aus edlen tropischen Hölzern. © yogaservice.de

Zwischen den Yogaklassen bleibt Zeit für Strandspaziergänge und Spa-Besuche, tiefe Gespräche beim Warten auf die Thai-Massage oder zum E-Mail-Checken in der Lobby – ja, auch diese weltlichen Unterbrechungen sind erlaubt. Die Übungen entrosten den Körper zunehmend. Am vorletzten Tag fühle ich mich weich, katzenhaft und habe Lust, zu turnen. Doch der Yogaweg geht weiter, „vom Groben ins Feine“, sagt Patricia. Wir üben nun Atmen, die Techniken verbinden Körper und Geist, jeder Atemzug wird zum Fest, so erlebnisreich wie der erste Atemzug nach der Ankunft in Phuket. Diesmal stellt sich jedoch Frieden dabei ein, Nähe zu den Mitübenden und eine Ahnung vom inneren Luxushotel, in das wir auch zu Hause immer wieder einchecken können.  

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Morgens dynamisch, in der Abendsonne dagegen sanft.© yogaservice.de

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Am kommenden Wochenende, 27. Oktober 2012, eröffnet Spirit Yoga sein drittes Studio in Berlin.

Video-Interview mit Patricia Thielemann

Angebotene Yogareisen von verschiedenen Veranstaltern auf yogaservice.de

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