Yoga unterrichten: Zwischen Burnout und Erfüllung

Unter allen Luxusgütern dieser Welt gehört eine sinnvolle, erfüllende Lebensaufgabe zu den begehrenswertesten - Yoga unterrichten zum Beispiel! Stimmts? Naja, es gibt auch Yogalehrer mit Burnout. Eine Bestandsaufnahme.

Die Ausbildung zum Yogalehrer beginnt mit einer Vorstellungsrunde. Rund 40 Schüler sitzen in dem Übungsraum auf ihren Yogamatten, manche ganz aufrecht im Lotussitz, daran erkennt man den Fortgeschrittenen. Andere lümmeln lässig auf einem Lager, das sie sich aus Kissen und Decken gebaut haben. Wer sich darin zu sehr gehen lässt, wird von der Yogalehrerin Patricia Thielemann gebeten, etwas mehr Haltung anzunehmen. Ein indischer Yogameister würde es sogar als Beleidigung verstehen, zeigte man ihm die Fußsohlen. Die Angesprochenen reagieren prompt. Jeder im Raum weiß, dass es andere nur auf die lange Warteliste zum Teacher Training, wie es in der Szene heißt, geschafft haben. Ein Platz in der Lehrerausbildung in Thielemanns Studio Spirit Yoga ist begehrt.

Die Geschichten, die von den Anwesenden der Reihe nach erzählt werden, folgen einem ähnlichen Muster: ein Name und dann ein Beruf, der häufig entweder etwas Kreatives wie Musikmachen, Schreiben oder Schauspielerei ist oder etwas Knallhartes wie Vertrieb, PR, Werbung, Marketing oder Computerarbeit; durch Rückenprobleme, chronische Müdigkeit, die Freundin oder eine Ahnung davon, dass das Leben noch mehr zu bieten hat, sei man zum Yoga gekommen – und schließlich sei der Wunsch entstanden, etwas im Leben zu ändern, etwas „Sinnvolles“ zu machen, etwas „für sich zu machen“. Zum Abschluss bekennen sich die meisten Teilnehmer mit Feuer und Flamme zu ihrem neuen Berufswunsch: Yoga zu unterrichten und so die schöne Erfahrung, mit der man selbst beschenkt wurde, weiterzugeben. Im echten Leben erweist sich der Traumberuf jedoch als ganz schön hart:

Frisch ausgebildete Lehrer drängen auf einen ohnehin schon umkämpften Markt, konkurrieren darum, Stunden unterrichten zu dürfen. Die Berufseinsteiger fahren von Stunde zu Stunde in der Stadt herum. Doch auch eine Klasse mit nur zwei Yogaschülern erwartet von ihrem Lehrer spürbar heitere Gelassenheit. Und unterm Strich verläuft der Verdienst bei einigen mit 10 bis 25 Euro pro Klasse und 50 bis 90 Euro für eine Einzelstunde entlang des Existenzminimums. „Ich weise bei den Infoveranstaltungen immer darauf hin, dass man als Yogalehrer nicht reich und berühmt wird“, sagt Thielemann. „Aber das scheint bei den meisten eher noch mehr Ehrgeiz zu wecken.“

Den „Willen zum Sinn“ würde das vielleicht der berühmte Psychologe und Entwickler der Logotherapie Viktor Frankl nennen. „Wenn der Mensch um keinen Sinn des Lebens weiß, dann pfeift er aufs Leben, auch wenn es ihm äußerlich noch so gut geht“, formulierte der Harvard-Professor aus Österreich schon Ende der 50er-Jahre in seinem Bestseller „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“. Ein halbes Jahrhundert später hat die Sinnsuche auch eine wirtschaftliche Dimension erreicht. Marktforscher beobachten, wie gerade ein „gigantischer Zukunftsmarkt“ entsteht. „Wir werden einen Großteil unserer Wertschöpfung dadurch erzielen, dass wir uns nicht mehr auf Versorgungs-, sondern auf  Lebensqualitätsmärkten bewegen werden“, stellen die Autoren des Zukunftsinstituts in einer Studie zu den Sinnmärkten fest und unterstreichen ihre Aussage mit einer Berechnung der Dresdner Bank, wonach die Deutschen jedes Jahr neun Milliarden Euro „in Lebenshilfe, Orientierung, Selbstverwirklichung und Sinnsuche“ investierten. Wir sättigen uns nicht einfach, sondern bevorzugen regionale, gesunde Bioprodukte, die die Umwelt schonen und eine Beziehung zu einer gefühlten Heimat herstellen. Wir fahren nicht einfach in den Urlaub, sondern suchen in der Fremde nach Sinnerlebnissen und uns selbst. Und wir wollen nicht einfach nur unseren Lebensunterhalt verdienen, sondern uns selbst verwirklichen. Der größte Luxus ist nicht Geld, nicht einmal Zeit. Der größte Luxus ist heutzutage eine sinnvolle Tätigkeit.

Sinnvoll mag für jeden etwas anderes sein. Der Weg dorthin lohnt sich, verlangt aber die hohe Kunst des Change Managements. Auf dem Weg kann man sich an seinen Leitplanken sprichwörtlich verbrennen und am Burnout entlangschrammen. Gerade wer eine radikale Veränderung. Egal, wie es dem Yogalehrer geht: Die Yogaklasse erwartet von ihm stets spürbar heitere Gelassenheit anstrebt, den scheinbar verfehlten alten Beruf aufgibt, um etwas Sinnvolles zu tun, findet statt Erfüllung oft Enttäuschung oder sogar Unglück. „Es sind gerade die Idealisten, die hier besonders gefährdet sind“, sagt  Psychotherapeutin Verena Volp. In ihrer  Praxis in Berlin-Kreuzberg behandelte sie in den vergangenen fünf Jahren auch Yogalehrer und Heilpraktiker. „Aber das ist kein Muster, das auf Yoga beschränkt ist,“ sagt Volp, „es betrifft auch Künstler und Kreative. Gerade heute Morgen habe ich einen Choreografen krankgeschrieben.“

Sie übt selbst regelmäßig Yoga und hat vor vielen Jahren sogar eine Yogalehrerausbildung gemacht. Unterrichten möchte sie dennoch nicht. „Das ist unheimlich hart.“ Die Verausgabungsbereitschaft sei anfangs zwar groß, doch die kann einbrechen. „Wir nennen das Gratifikationskrise. Es fehlt die Wertschätzung“, erklärt Volp. „Später kommen Verarmungsängste und Selbstvorwürfe hinzu.“

Gilt also doch „Schuster, bleib bei deinen Leisten“? „Nein, das ist ein pessimistisches Motto“, sagt Volp. Sie empfiehlt im Gegenteil Veränderung, aber mit fließenden Übergängen. Also: Yoga unterrichten in Kombination mit dem bisherigen Job. Aussteigen ist schließlich nur der Ausgangspunkt für das Wunschszenario, wichtiger ist der Einstieg in ein neues Existenzmodell. Dabei ist der Beruf des Yogalehrers für unsere sinnsuchende Zeit so paradigmatisch wie der DJ für die durchgefeierten Neunzigerjahre. Diese Leute lebten schon damals selten vom Auflegen allein. Und auch heute sind viele DJs  gleichzeitig Clubbesitzer, Partyveranstalter, Musikproduzenten, Musikjournalisten oder etwas ganz anderes. Und das Talent zur guten Mischung ist auch die Existenzgrundlage der zufriedenen Yoga-Profis.

Yoga als Dienstleistung Patricia Thielemann zum Beispiel begreift sich außerhalb ihres Unterrichts vor allem als Unternehmerin, die in Berlin drei gut laufende Studios betreibt, Yogareisen und Workshops veranstaltet, Bücher schreibt, DVDs produziert und Lehrer ausbildet. „Yoga ist auch Dienstleistung“, sagt sie. „Und so wie für jede Dienstleistung muss man dafür Struktur mitbringen. Die Arbeit fordert Durchhaltevermögen und Verlässlichkeit wie jeder andere erfolgreich ausgeübte Beruf auch.“

Das weiß auch Stefan Datt, der gut gelaunte Hansdampf in allen Gassen der Berliner Yogaszene. Seit zehn Jahren veranstaltet er jeden Sommer das Yoga Festival Berlin in Kladow, unterrichtet in seinem gemeinnützigen Verein Lernen in Bewegung, bietet Massagen an und führt eine Praxis als Physiotherapeut. Yoga als Hauptberuf? Besser nicht. Yoga sei Hobby, Dienst am Menschen, eine dankbare Aufgabe, keine Arbeit. „Seine Brötchen sollte der Yogalehrer mit einem anderen, anständigen Job verdienen.“ Problematisch sind die Sachzwänge des Lebens: „Möchte man sein Leben voll und ganz dem Yoga widmen, sollte man der Welt und den weltlichen Ereignissen, soweit es geht, entsagen.“ Datt weiß, wovon er spricht, er hat jahrelang im Ashram gelebt.

Das Jonglieren mit verschiedenen Berufen muss gelernt sein, wie die Münchener Yoga-Expertin Doris Iding erfahren musste. Sie unterrichtet Yoga in Workshops und Lehrerausbildungen, schreibt Bücher, arbeitet als Redakteurin eines Fachmagazins, ist Beraterin und Agentin für andere Yogalehrer. Sie war sehr fleißig, ging mit ihrem Arbeitspensum immer wieder an ihre Grenzen – bis sie eines Nachts plötzlich aufwachte und „nur noch Schnee vor den Augen“ sah. Die Ärzte diagnostizierten eine tiefe Angststörung durch Arbeitsüberlastung. Und das, obwohl sie seit über 20 Jahren meditiert und Yoga geübt hatte – also genau das gemacht hatte, was überlasteten Managern mit Burn-out empfohlen wird. Iding schrieb ihre Erfahrungen auf und veröffentlichte diese unter dem Titel „Die Angst, der Buddha und ich“.

Die Marketing-Erzählung, Yoga mache jung und sexy (und wenn es sich so nicht anfühlt, machst du etwas falsch!), erhielt einen Riss. Ein Tabubruch – der auf Dankbarkeit stieß: Die Zuschriften Betroffener reißen seit der Veröffentlichung nicht ab, „darunter auch sehr bekannte Yogalehrer“, sagt sie. Ob sie Yogalehrer mit Burnout kenne? „Ja, einige!“ Sie selbst musste lernen, langsamer zu machen und weniger zu arbeiten, so wie jeder  Manager mit Burnout zunächst seinen Lebenswandel ändern muss. Sonst bleibt Yoga nur ein weiterer Termin auf der zu vollen Agenda. Yogalehrer sitzen eigentlich an der Quelle gesunden Wissens. Wenn sie allerdings vor lauter Unterrichten aufhören, daran aufzutanken, betreiben sie den gleichen Raubbau, der sie schon zum Ausstieg aus ihrem ursprünglichen Beruf trieb. „Yoga üben, Reflexionsräume schaffen, lesen und gesunde Ernährung gehören zur Berufsvorbereitung“, sagt Patricia Thielemann. Das „Weltliche“ sollte geregelt sein, sonst wirke der Yogalehrer zu verzweifelt. „Die Guten sagen deshalb: Mir reichen ein, zwei Kurse pro Woche. Ansonsten bleibe ich bei meinem Beruf, der mir den Unterhalt sichert.“ Langsam gehen und Yoga üben. Damit beherzigen „die Guten“ auch etwas, das sie grundsätzlich vor Burnout schützt – ob sie nun Yoga unterrichten oder nicht. 

tis

 


Der Artikel erschien im Special "Glücklich" des Berliner Zitty Verlags.

Kommentare

Yoga und Burn-Out

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Ich finde den Beitrag sehr wichtig und richtig. Ich frage mich manchmal, wer in Deutschland eigentlich noch Yogaschüler sein wird bei all den Ausbildungsangeboten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Das sollte jeder bedenken, der sich als Yogalehrer selbständig machen will, auch wenn Ausbildungsschulen gerne behaupten, der Markt sei groß genug für alle. Stimmt vielleicht, doch zu dem "Jobstress" als Yogalehrer gesellt sich auch noch der Verkaufsdruck: wie vermarkte ich mich. was ist mein Alleinstellungsmerkmal, wie kann ich mich positionieren? Wichtige Fragen, die wie in jedem Business geklärt sein müssen. Viele, die sich während ihrer Sinnsuche zum Yogalehrer ausbilden lassen, vergessen das leider.

Yoga und Burn-Out ist schon paradox. Ich glaube, kein Inder würde das je verstehen können. Lieblingsgrüße! Katharina