Yoga-Philosophie

Mit Yoga-Philosophie im weiteren Sinne meint man den umfangreichen, in sich teils widersprüchlichen geistigen Überbau zur Yoga-Praxis, der sich je nach Traditionsverständnis religiös, philosophisch-wissenschaftlich oder körperorientiert-anatomisch darstellt. Im engeren Sinne beschreibt sie die geistigen Voraussetzungen für den Zustand des Yoga.

Wenn ganz allgemein von Yoga-Philosophie die Rede ist, meint man meist die Theorie zur Praxis. Die reicht vom Verständnis der traditionellen Texte bis zu aktuellen Fragen einer Lebensführung, die sich an Werten wie Gelassenheit, Gesundheit, Frieden und erfüllte Beziehungen zu den Mitmenschen ausrichtet. Wo sich hierfür die ursprünglichen Ansätze der indischen Weisen in den mythischen Entstehungszeiten des Yoga oder die radikalen Techniken der ersten Hatha-Yogis nicht mehr mit dem Lebensstil der modernen westlichen Menschen zusammenbringen lassen, wird die Yoga-Philosophie unter dem Einfluss westlicher Psychologie, Medizin, Physiologie, zeitgenössischer Philosophie, Quantenphysik oder neugeistlicher, popspiritueller und esoterischer Lehren ständig weiterentwickelt. Es gibt zwar charakteristische Grundzüge einer yogischen Philosophie. Darüber hinaus aber erstreckt sich unter dem Namen „Yoga“ eine bunte, weitläufige Landschaft aus Konzepten, die sich teilweise auch gegenseitig ausschließen. Übende müssen in diesem Angebot ihre Yoga-Philosophie selbst entdecken. Bei der Auswahl ist die persönliche, praktische Erfahrung von entscheidender Bedeutung. Außerdem ist in diesem Wissenswust ein gutes Navigationssystem hilfreich, wie es zum Beispiel Eckard Wolz-Gottwald in seinem „Yoga-Philosophie-Atlas“ entwickelt. Er sortiert die Yoga-Philosophie in drei Traditionslinien: religiös, philosophisch und körperlich-anatomisch.

Der religiöse Yoga stellt die älteste Tradition dar. Sie weist auf den Veda, (m., sanskrit für Wissen), zurück. Die Veden sind Texte, die zwischen dem 1500 und 500 vor Christi Geburt entstanden und als „heiliges Wissen“ das Fundament des Hinduismus bilden. Hieraus stammen die meisten indischen Götter wie Shiva, der schließlich auch zum Gott vieler Yogis wurde.

Auch die Bhagavad Gita, die als Teil des indischen Epos Mahabharata im Laufe mehrere Generationen entstand und spätestens im 3. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung abgeschlossen wurde, zählt zur Linie des religiösen Yoga. Exemplarisch für die Widersprüchlichkeit der Yoga-Philosophie ist hierbei übrigens folgende Dissonanz: In der Bhagavad Gita lehrt Gott Krishna im Körper des Wagenlenkers den Krieger Arjunas die Yogalehren. Arjuna zweifelt vor einer wichtigen Schlacht am Sinn von Krieg und Gewalt. Krishna fordert ihn aber auf, seinem Schicksal (Dharma) zu gehorchen und als Krieger seine Pflicht zu tun – auch im tödlichen Kampf gegen eigene Verwandte. Yogis anderer Traditionen dagegen würden das strikt ablehnen und das Prinzip der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) jederzeit über das der Pflichterfüllung stellen.

Yoga-Philosophie im engeren Sinne dagegen stellt – unabhängig von einem bestimmten Glauben – die Beruhigung des Geistes in seinen Fokus. Die philosophische Traditionslinie des Yoga entstand in der als „klassisch“ bezeichneten Epoche der Denkgeschichte Indiens. Als prominente Gründerfigur der klassischen Yoga-Philosophie gilt der Arzt, Grammatiker und Yogagelehrte Patanjali, dessen Lebenszeit nicht genauer als zwischen 200 vor und 200 nach Christi Geburt angegeben werden kann. Er verfasste den Yogasutra, ein Leitfaden aus 195 Aphorismen, die sogenannten Sutren. Sie sind so dicht und tief, dass sie von Laien ohne den gelehrten Kommentar eines erfahrenen Yogis nicht zu verstehen sind.

Das berühmteste Sutra dieses Werkes ist das zweite: yogah citta vritti nirodha (1.2.). Es definiert Yoga als die Kunst, seinen Geist – je nach Übersetzung – zu „beherrschen“, zu „beruhigen“ beziehungsweise auf ein Objekt „auszurichten“. Gelingt dies, entsteht Klarheit, wodurch das innerste wahrnehmende Organ des Übenden, der Purusha (m., sanskrit: der Sehende, die Geistseele), das Wesentliche erkennt und mit diesem verschmilzt. Diese Vereinigung gilt gemeinhin als Zustand des Yoga. Das ist dem Sinn nach die Aussage des dritten Sutra (I.3.): tada drastuh svarupe avasthanam. Tritt diese Klarsicht des Purushas dagegen nicht ein, identifizert sich das Ich mit den Bewegungen der Gefühle, Gedanken, übernommenen Konzepte und Begierden; was dem Sinn nach die Aussage das vierte Sutra aussagt (1.4): vrittisarupyam itaratra. Zusammen mit dem ersten Sutra (I.1), attah yoganusasanam (für: Jetzt zur Erklärung des Yoga), stecken die ersten vier Leitsätze des Yogasutra die Zielsetzung des Yoga so klar ab, dass einige große Lehrer diese vier Sätze als Herz der Yoga-Philosophie schlechthin begreifen.

Die Unterscheidung zwischen Purusha und der Welt der Erscheinungen, wie sie dem Yogasutra zugrunde liegt, ist typisch für das philosophische System des Shamkya. Es gibt im Yoga allerdings auch die Gegenposition, woraus ein weiterer prominenter Widerspruch innerhalb der Theoriewelt des Yoga entsteht. Die klassische indische Philosophie kennt insgesamt sogar sechs Schulen, die sogenannten Darshans; zwei davon sind für den Yoga relevant: Shamkya und der Vedanta, der sich im Wesentlichen auf die Textgruppe der Upanishaden bezieht und bis heute, wie das Yogasutra, auch im Westen eine große Anhängerschaft hat. Die Kernthese des Vedanta: Alles ist eins, tat tvam asi. Shamkya und Vedanta schließen sich also gegenseitig aus. Auch wenn manchem Übenden dies als ein Streit unter Akademikern und Freaks erscheint: Man sollte sich dieser Uneindeutigkeit zumindest bewusst sein. In der Regel neigt man intuitiv – vielleicht auch unbewusst – einer bestimmten Seite zu und ist dann – auch durchaus unbewusst – irritiert, wenn ein geschätzter Lehrer in einem Workshop etwa eher im Sinne der anderen Seite lehrt. 

Die modernen Ausläufer der philosophischen Linie des Yoga ist in Indien der Integrale Yoga des Inders Sri Aurobindo (1872 – 1950) und die Integrale Theorie des  zeitgenössischen Denkers Ken Wilber in den USA. In der Peripherie der Yoga-Philosophie bewegen sich popspirituelle Ansätze, die mit populärwissenschaftlichen Auslegungen der Quantenphysik eine Lebensphilophie entwerfen, die bestimmten buddhistischen Modellen sehr nahe kommt. Kultstatus genießt hier der Film Bleep! Überschneidungen gibt es auch zu Strömungen in der Tradition der Neugeist-Bewegung und des Positive Thinking, das auch Swami Sivananda in sein System integrierte.

Der körperorientierte Ansatz der Hatha-Yoga ist die jüngste Traditionslinie der Yoga-Philosophie. Erste Texte darüber tauchten erst im Hochmittelalter (frühestens 11. Jahrhundert) auf. Die Theorie des Hatha-Yoga stützt sich im wesentlichen auf ein Konzept der spirituellen Anatomie. Als Gründer gilt der Lehrer Goraksha (auch Gorakshanatha). Zum zentralen Konzept dieser anatomischen Philosophie gehört die Lehre der Energie Kundalini, die wiederum auf dem indischen Tantra fusst. Die Kundalini ist eine im Becken ruhende Kraft, die in der Regel als Schlange visualisiert wird. Die Yogis wecken sie durch ihre Übungen, Selbstreinigungen und Meditation, und lassen sie entlang der sechs Energiezentren (Chakren) bis zum Scheitelpunkt aufsteigen lassen. Der zentrale Text der Hatha-Tradition ist die Hatha Yoga Pradipika (14. Jahrhundert) von Svatmarama.

 

Zum Thema

Weiterführende Literatur:

Eckard Wolz-Gottwald, Yoga Philosophie-Atlas
Mathias Tietke, Stammbaum des Yoga
Georg Feuerstein, Die Yoga Tradition
T.K.V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation

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