Yoga Journal 04 2011: Macht Yoga glücklich?

Über Glück liest man viel in letzter Zeit, das Thema ist in Büchern und Medien sehr präsent. Genau genommen aber ist es seit mindestens 2300 Jahren ein Dauerbrenner, als die ersten Philosophen darüber schrieben – steht im Yoga Journal. Die neue Ausgabe hat das komplizierte und doch einfache Thema im Fokus. Wir haben nach den Perlen in den Beiträgen und Interviews gefischt.

Geld allein macht nicht glücklich, lautet ein Allgemeinplatz. So ganz stimmt das nicht. Es macht zufrieden, bis 60.000 Euro Einkommen im Jahr. Was darüber liegt, steigert nicht mehr das Lebensglück. Denn – wie Yogalehrer Eric Brown es in einem Interview formuliert: Der Preis fürs Geldverdienen wird dann zu hoch. Philosophieprofessor Michael Bordt, der sich auf Glück spezialisiert hat, fand heraus, dass zwei Dinge für ein glückliches Leben entscheidend sind: Authentische Beziehungen zu anderen Menschen und ein Lebenssinn. Eine regelmäßige Asanapraxis kann diese Qualitäten nicht ersetzen – sie kann nur die innere Einstellung so ändern, dass der Übende anfängt, die wesentlichen Dinge des Lebens anders zu sehen und anfängt, sich entsprechend anders zu verhalten. Das ändert dann sein Leben. Solange dieser Blickwechsel nicht eintritt, entfaltet die Yogapraxis auch nicht ihre glücksbringende Qualität. Boldt, der wie der Interviewer und Yogalehrer Michi Kern auch, regelmäßig praktiziert, weist sogar auf die Gefahr hin, dass Yoga „härter“ mache, „wenn ich diese knallharten Gesichtsausdrücke von manchen Leuten im Yogastudio sehe.“

Das Verhältnis Asana und Yoga resp. Glück veranschaulicht der indisch-deutsche Yogi und Yogaphilosophie-Experte R. Sriram in einen lustigen, anschaulichen Vergleich: Auf den Hinweis der Interviewerin Irene Nießen, dass für viele Praktizierende die Asanas eine Art Kernstück des Yoga bilden und die Frage, ob das ausreiche, antwortet Sriram: „Ein Beispiel: Theoretisch könnte man aus dem klassischen Ballett ein Schlankheitsprogramm für übergewichtige Inder entwickeln. Analog ist es theoretisch ebenso möglich, aus den Yoga-Asanas ein Programm zur Prävention von Zivilisationskrankheiten zu entwickeln. Wenn es wirkt, ist es gut. Wenn man aber nun daraus schließt, diese Asana-Folge sei Yoga, ist das ebenso eine Schande, wie wenn die Inder glauben, mit den Ballettschritten die Ästhetik des Balletts zu praktizieren.“

Auch Gesundheit ist wichtig, um glücklich zu sein – aber nicht Voraussetzung. Das kann der Yogalehrer Patrick Broom aus eigener bitterer Erfahrung bestätigen. Yoga könne eine tiefgehende Krankheit wie Läukemie nicht heilen, sagt er im Interview. Während der Geburt seines Sohnes klingelte sein Handy. Sein Arzt war dran und bestätigte ihm endgültig die Diagnose: Krebs. Der musste mit Chemotherapie behandelt werden. „Jedes Mal hatte ich das Gefühl, völlig zerstört zu werden.“ In dieser Auseinandersetzung hat Patrick offenbar sehr viel über sich, Krankheit und Zufriedenheit gelernt. Die Reife, mit der er spricht ist beeindruckend. Der promovierte Psychologe sagt unter anderem den bemerkenswerten Satz: „Es ist eine unglaubliche Arroganz Kranken gegenüber zu behaupten, dass Nicht-Gesunde nicht glücklich sein können.“ Der Krebs sei verschwunden, aber nicht die Ursache. Die versuche er jetzt mit Homöepathie und Psychotherapie zu heilen.

Wir wissen es also theoretisch: Geld, Gesundheit, selbst Freundschaften – alles äußere, vergängliche Dinge! Sich an sie zu klammern, macht unglücklich. Dies aus eigener Erfahrung zu wissen allerdings und sich danach zu richten, macht dieses Wissen erst zum Yoga. Dann entsteht diese Einstellung, die zu innerer Ruhe und Zufriedenheit führt, um die es immer wieder geht: das „citta vritti nirodha“, das wohl berühmteste Sutra des Philosophen Patanjali. Bei der Übertragung ins Deutsche gibt es allerdings große Abweichungen, wie Ralf Sturm zeigt. Eine der bekanntesten, die der Autor anführt, ist die von Deshpande: „Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen“, von unfreiwillig lustigste dagegen: „Yoga ist die Unterdrückung der Modifikationen der Psyche“ (Taimni). Das ist es wohl eher nicht. Trotzdem enthält jede Übersetzung eine interessante Perspektive.  Ralf Sturm folgert: „Mir hat es gut getan, mir den Weg von verschiedenen Seiten anzuschauen, um sicher zu werden, dass es am Ende immer auf das Eine herausläuft. Jeder Surflehrer hat ein paar andere Tricks aus seiner persönlichen Erfahrung.“

Glück, das sind die anderen Menschen, Freunde, Familie, inspirierende Kollegen – auch für die ganz großen Seelen wie den Dalai Lama, der dem Yoga Journal ein Interview gab. Anlass für den Gesprächstermin war der Wandel, den der Dalai Lama jüngst eingeleitet hat: von der Theokratie zur Demokratie im Tibet. Sein Hauptmotiv: Sie fordere jeden Einzelnen zu mehr Verantwortung. Für den Dalai Lama und seinen Premierminster, Samdong Rinpoche ergänzen sich deshalb Spiritualität und Politik in einem demokratischen Staat. Politisch aktiv – und so wichtig! – sind auch die yogischen Aktivisten. Das Yoga Journal stellt das Earthchild Project in einem Township bei Kapstadt, Südafrika vor. Eine Reportage zeigt, wie Yoga Kindern in dieser brutalen Lebenswelt Halt und Perspektive geben kann. Der Titel: „Zwischen Blut und Armut“. Das relativiert vieles, was hierzulande über Mangel an Glück geäußert wird.

Neben den eher theoretischen Artikeln enthält das Heft wieder viele praktische Workshops, darunter erklärt einer von Cindy Lee zum Herabschauenden Hund mit ausgestrecktem Bein. Außerdem hat Diana Krebs hat die Berliner Yogaszene porträtiert. Dabei stellt sie das Licht ihrer Stadt fast etwas unter den Scheffel: Yoga sei „mittlerweile“ fester Bestandteil der urbanen Lebenswelt. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass in Berlin in den Dreißigerjahren Europas erstes Yogastudio eröffnet wurde und schon damals Zeitungen von Lebensreform, Vegetariern und einer regelrechten Yogamode berichteten, durchaus zurückhaltend formuliert.

Cyndi Lee würdigt sogar Berlin im Einstieg zum oben erwähnten Workshop zu Eka Pada Adho Mukha Shvanasana – und gibt damit einen so kurzen wie prägnanten historischen Überblick über die Ausbreitung des Yoga im Westen, dass er der unterhaltsam informative Abschluss dieser Perlensuche im neuen Yoga Journal sein soll: „Die Rede, die Swami Vivekananda 1893 beim Weltkongress der Religionen gehalten hat, gilt als die offizielle Einführung des Yoga in die westliche Welt. Keine 20 Jahre später unterrichtete Pierre Bernard in New York bereits tantrische und yogische Praktiken. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs eröffnete Boris Sacharow in Berlin die erste Yogaschule Europas, fast gleichzeitig begannen Selva Raja Yesudian und Elisabeth Haich in Budapest, wenig später Lucien Ferrer in Paris. Indra Devi erobert in den 1950er Hollywood, Yehudi Menuhin brachte B.K.S. Iyengar nach Europa – und heute spircht der BDY von mindestens drei Millionen Yoga-Übenden in Deutschland.“

Das Heft kommt in diesen Tagen für 4,50 Euro in die Kioske.

tis

 

 

Preis: 
€4.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Piranha Verlag

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