Für Yoga-Nerds: Yoga als „transnationales“ Projekt

Es gibt eine sehr beliebte Art, Yoga zu erklären, und die geht so: Die Methode ist viele tausend Jahre alt, kommt aus Indien und bringt „Körper, Geist und Seele“ in Einklang. Das stimmt nur halb. Sie ist erst gut hundert Jahre alt, entstand im Zusammenspiel von Ost und West und ihr Nutzen ist Auslegungssache. Auch das ist wahr, wie Mark Singletons in seiner präzisen Studie „Yoga Body“ zeigt.

Es kursiert seit vergangenem Jahr ein Buch unter Yogalehrern und solchen, die es wirklich wissen wollen: „Yoga Body – The Origins of modern Posture Practice“ erschien 2010 im durchaus ernstzunehmenden Verlag der Oxford University. Sein Autor ist Mark Singleton, ein Religionswissenschaftler, der in Cambrigde studiert hat und am St. John’s College, Santa Fe, New Mexico lehrt.

Die These des Buches mag für manchen ernüchternd oder gar provokativ klingen: Das, was wir heute meinen, wenn wir die Matte unter den Arm klemmen und sagen: „Schatz, ich geh ins Yoga!“, hat seine Herkunft in einem gewaltigen, die ganze westliche wie englischsprachige Welt – und damit auch die britische Kolonie Indien – erfassenden Trend zu Sport und Körpererziehung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auch „physical culture“ genannt. Das war die Zeit, in der immer mehr Menschen den Ackerbau verließen, in die Städte zogen und ihren Lebensunterhalt in Fabriken verdienten; die Zeit der industriellen Revolution. Die Fitness der Arbeiter wurde zum Anliegen der Industriellen. Körperkultur wurde zur nationalen Aufgabe. Es war zum Beispiel auch die Zeit eines J. P. Müller, der in fast jeder Sportart Titel gewann und mit seinem Weltbesteller „Mein System“ auch in Indien eine große Wirkung hinterließ. Es war die Zeit, in der Pierre de Coubertin die antike Idee der olympischen Spiele wiederbelebte. Und in gewisser Weise belebten damals auch Inder wie Swami Sivananda, T. Krishnamacharya, Kuvalayananda, Yogendra, Paramahamsa Yogananda und dessen Bodybuilder-Bruder Bishnu Choran Gosh (der Lehrer von Bikram-Yoga-Gründer Bikram Choudhury) sowie Vertreter der geistigen Seite wie Sri Aurobindo und Vivekananda die antike Idee des Yoga.

Mark Singleton weist mit vielen historischen Quellen, Zeugenaussagen und Erkenntnissen der bisherigen Yogaforschung nach, dass Asanas bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein für den Yoga eine untergeordnete Rolle spielten. In den Upanishaden, in den Yogasutras von Patanjali und in der Bhagavad Gita werden keine Übungen beschrieben. Die ersten Texte des Hatha-Yoga, der Yoga der Körperübungen, entstanden im Hochmittelalter und beginnende Neuzeit: Goraksa Shataka, Shiva Samhita (15. Jhd), Hatha Yoga Pradipika (15./16. Jhd.), Hatha Ratnavali (17. Jhd.), Gheranda Samhita (17./18. Jhd.) und Joga Pradipika (18. Jhd). Ihr Fokus liegt auf der Kontrolle der Lebensenergie, Prana. Sie nennen wohl Asanas, heben aber noch mehr auf Pranayama, Reinigung und Versenkung ab.

Dagegen ist auffällig, welchen Einfluss der Pionier des Bodybuilding, Eugen Sandow (ein Ostpreuße) in Indien hatte, die Ansätze des schwedischen Gymnastik- und Massagepioniers Pehr Henrik Ling, des Dänen Niels Bukh (dessen dänische Gymnastik sogar Teil des Drills britischer Soldaten wurde) oder das Ansehen der deutschen Turnertradition von GutsMuths und „Turnvater“ Ludwig Jahn. Die „Turnerbewegung“ im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts war politisch, ihr Ziel war das Ende der Vielstaaterei durch die Bildung einer deutschen Nation. Auch in Indien hatte die neue Fitnesswelle eine politische Bedeutung: Starke Körper waren der erste Schritt zur Befreiung vom Joch der britischen Kolonialherrn und gleichzeitig der Anschluss an die Moderne. Deshalb übernahmen indische Männer zunächst einmal westliche Übungssysteme, Trainingsmethoden aus der britischen Armee – denn „Hatha-Yoga“ hatte gelinde gesagt ein Imageproblem.

Hatha-Yoga bedeute „unter Zwang“ oder „gewaltvoll“, erklärt Singleton, wird aber auch als „innere Sonne und Mond interpretiert“. Die Gruppierungen, die seit Mittelalter den Hatha-Yoga beherrschten, kultivierten und damit in den Augen ihrer Zeitgenossen „übernatürliche Kräfte entwickelten“, waren die Anhänger der großen mittelalterlichen Meister Gorakshanath und dessen Lehrer Matsyendranath. Sie gründeten die Ordensbewegung des Shaiva Nath (vermutlich 12. Jahrhundert). Es gab verschiedene „Naths“, (auch als „Kanphata“ oder „split eared“ bezeichnet), die sich selbst nur „Yogins“ nannten. Die waren durchaus nicht so friedlich, wie sich Yoga heute gerne präsentiert, im Gegenteil: Sie übten Macht aus, kontrollierten Handelsrouten, später verdingten sie sich als Söldner. Es gab auch militante Freiheitskämpfer unter den Yogis, die sich mit den Übungen für den Kampf zu stählten. Einer ihrer Vordenker war Tiruka alias Sri Raghavendra Rao. Die Briten sahen sich gezwungen, gegen „marodierende Yogis“ entschiedener vorzugehen, nahmen ihnen Freiheiten und machten viele zu Bettlern. Manche verdingten sich, ähnlich wie muslimische Fakire, mit Kunststückchen auf Märkten. Viele kifften und wurden von britischen Reiseautoren als dreckig und strohdumm beschrieben. Dieser Stereotyp  zumindest beeinflusste das Ansehen von Hatha-Yoga.

Auch Vivekananda, der großer Botschafter des Yoga, der 1893 seine historische Rede vor dem Parlament der Weltreligionen in Chicago hielt, distanzierte sich ausdrücklich von Hatha-Yoga wie von Körpereinsatz beim Yoga überhaupt. Er propagierte den Raja-Yoga als geistigen Weg auf der Grundlage des Yogasutra von Patanjali. Wobei Singleton Vivekananda auch mit dem Spruch zitiert, man könne Gott beim Football manchmal näher sein als in der Bhagavad Gita.

Allerdings bestand in Indien das Bedürfnis, der britischen Körperkultur etwas Eigenes, Indisches entgegen zu setzen. Das Ansehen des Yoga ließ sich mit Hilfe der Wissenschaft verändern. Untersuchungen sollten eine positive Wirkungen auf die Gesundheit nachweisen. Yoga ließ sich so auch vom hinduistisch-religiösen Kontext ebenso wie okkulten Ausrichtungen tantrischer Sekten lösen und in eine technische Methode überführen. Philosophisch erhielt der Yoga zusätzliche Inhalte, die eher aus der christlichen Kultur stammten. Dazu gehörte schon damals Gedankengut der Neugeist-Bewegung, wie es noch heute in Form von The Secret & Co in der Yogaszene noch heute en vogue ist. So ist die Balance aus „Körper, Geist und Seele“ eine Denkfigur, die vermutlich über den Verein junger christlicher Männer (YMCA) eingang in den Yoga fand, die Yogaphilosophie unterscheidet nicht zwischen „Geist“ und „Seele“. Der Austausch war hier intensiv: So fand der erste Weltkongress des YMCA in Indien am Hof des an allem Modernen interessierten Maharadscha von Mysore statt, dem Förderer von T. Krishnamacharya. Dieser Gelehrte gilt als der Urvater des modernen Yoga. Allerdings unterrichtete Krishnamacharya die jungen adligen Herren nicht allein im Palast des Maharadscha. Im anderen Palastflügel trainierten seine Schüler auch bei Bodybuilder K.V. Iyer. Krishnamacharyas Klassen standen nicht als „Yoga“, sondern als „Leibesübung“ auf dem Programm. Und der Sonnengruß gehörte anfangs noch gar nicht zum System. Krishnamacharya übernahm ihn relativ spät, wohl um mit der Mode zu gehen, wie Singleton vermutet. Sein „Erfinder“ ist der – Bodybuilder – Pratinidhi Pant, auch Rajah of Aundh genannt. Er trainierte seinen Körper, wie Iyer auch, nach der Methode von Eugen Sandow. Er suchte aber auch das spezifisch Indische (wir erinnern uns: Indien emanzipiert sich von Großbritanien) und entdeckte das Potenzial des in Indien verbreitete Sonnengebets und machte es als Suryanamaskar in den indischen Gyms heimisch. 

„Yoga Body“ trägt auf 210 Seiten Fakten zusammen, die in ihrer Fülle kaum wiederzugeben sind. Sie werfen ein ungewohntes, neues und  inspirierendes Licht auf die Geschichte des Yoga. Singletons Buch zeigt überzeugend, dass der moderne Yoga (und die verbreiteten Vorstellungen) ein transnationales Phänomen ist. Eine Methode, die aus der Begegnung der Weltkulturen entstand und unter dem Einfluss von historischen Veränderungen, Stereotypen und Vermarktungszwängen der Schulen und Lehrer, von rasendem globalen Kulturwandel und wissenschaftlichem Fortschritt steht. Und so verrückt es bei solch einer Jahrtausende alten Tradition klingen mag: Yoga steht immer noch am Anfang. Denn seine große philosophische Tradition, der reiche Erfahrungsschatz mit Bewusstseinszuständen und Energieflüssen und der Fortschritt heutiger medizinischer, psychologischer und religionswissenschaftlicher Erkenntnisse machen ihn zu einer der spannendsten Methoden des 21. Jahrhunderts, die sich in einem Begriff wie „Sport“ oder „Religion“ noch gar nicht fassen lässt. Singletons Buch mit seiner 30 Seiten langen Bibliographie dient bei dieser Entwicklung nützlicher Reiseführer. Leider gibt es den Text bisher nur auf englisch. Vielleicht findet sich bald jemand, der das Buch für die deutschen Yoga-Nerds übersetzen will. Das wäre eine gute Sache!

tis

Preis: 
€13.90
Ausführung: 
Broschiert
Verlag: 
Oxford University Press
ISBN/ASIN: 
978-0195395341

Zum Thema

Die Website Modern Yoga Research sammelt Studien und Wissenschaftler, die sich mit Entstehung und Inhalt des modernen Yoga beschäftigen.

Interview mit Mark Singleton im Magazine of Yoga

Auch lesenswert: Der Heidelberger Indologe Axel Michaels in der NZZ über Yoga als multikulturelles Phänomen

In unserer Serie Asana-Forschung fragen wir bekannte Yogalehrer, wann und wie die heutige Yogapraxis entstand.

Mehr Wissen über Yoga in unserem Lexikon

 

 

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