Yogawege: Ausbildungen und magische Momente

Annette Böhmer ist viel: Marktforscherin, Ideenmanagerin, Wirtschaftswissenschaftlerin, Yogalehrerin und Yogastudio-Gründerin. Wir sprachen mit ihr über ihre Entscheidungen, Erfahrungen und magischen Momente. Das Interview ist Auftakt unserer neuen Serie „Yogawege“, in der wir Yogis und Yoginis über ihre Ausbildungen, Projekte und lehrreichen Erfahrungen befragen.

ys: Wie definierst du Yoga?
Yoga ist für mich der Weg, der alle Wege, die ich vorher ausprobiert habe, vereint – sei es der christliche Glaube, in dem ich aufgewachsen und verwurzelt bin, der Ausdauersport oder etwas Kreatives wie Malen und Musizieren. Je länger ich Yoga übe und mich mit Yogaphilosophie beschäftige, desto mehr begreife ich die Bedeutung von Yoga, die mit Einheit, Aufheben des Getrenntseins übersetzt werden kann. Ich fühle ich mich nicht nur selbst mehr als Einheit sondern empfinde auch tiefe Verbundenheit mit aller Existenz. Dies drückt sich vor allem in tiefer Liebe zu meinen Schülern aus und in meiner vegetarischen Ernährungsweise.

ys: Du hast dich 2007 für eine Yogalehrer Ausbildung entschieden. Wie kam es dazu?
Bevor ich meine erste Yogalehrerausbildung (A.d.R.: auch Teacher Training, "TT", genannt) absolviert habe, suchte ich nach einer Möglichkeit, meine Yogapraxis zu vertiefen. Mich faszinierten Sanskrit und Mantren und ich wollte mehr über Yogaphilosophie wissen. Damals kam es mir gar nicht in den Sinn, später einmal selbst Yoga zu unterrichten. Yogalehrer zu sein, schien wie ein weit entfernter Traum. Ich war voller Bewunderung und Respekt für meine Lehrer. Ich recherchierte online nach Anbietern und verglich Daten, Kosten und Yogastile. Schon damals war mein Traum, ein Jivamukti Teacher-Training zu absolvieren, was aber damals aus Zeit- und Kostengründen nicht möglich war. Ich entschied mich schließlich für eine Yogalehrer-Ausbildung bei Lord Vishnus Couch in Köln (A.d.R.: Zertifiziert nach der Amerikanischen Yoga Alliance, YA), da diese finanziell und zeitlich leichter machbar war als die vierwöchige Jivamukti-Ausbildung in den USA. 

ys: Es gibt immer mehr Angebote an Yogalehrer-Ausbildungen. Was sollten Interessierte vor der Entscheidung bedenken?
Es ist ratsam, die Schulen, Unterrichtsstile und vor allem die Ausbildungslehrer vorher kennenzulernen – wenigstens einen Kurs zu besuchen. Ich war von allen meinen Lehrern – dem Team von Lord Vishnus Couch, von Tom Beyer, von Patrick Broome, Yogeswari, Sharon Gannon und David Life – bereits bei der ersten Begegnung tief im Herzen berührt. Ich empfinde seither eine tiefe liebevolle Verbindung zu allen meinen Lehrern. Diese Magie ist für mich das Wichtigste vor, während und nach der Ausbildung. Man muss die Yogalehren mit Herz und Verstand aufnehmen und weitergeben können – ob dies möglich ist, muss man spüren.

ys: Du hast drei Yogalehrer-Ausbildungen intensiv kennengelernt. Wie unterscheiden sich diese und was fließt in deinen Yogaunterricht ein?
Ich vertraue in meinem Leben stets darauf, dass es „magische“ Momente gibt, in denen ich ganz klar weiß, was ich zu tun habe. So lange ich hin und her gerissen bin, treffe ich keine Entscheidung. Alle Aus- und Weiterbildungen habe ich nicht rational geplant, sondern es war „Magie“.

Annette Böhmer unterrichtet Rücken und Gelenke YogaTom Beyer lernte ich 2009 im Home Yoga in Berlin kennen als ich Rücken- und Gelenke-Yoga ausprobierte. Ich spürte eine vorher nicht gekannte Intensität in meiner Praxis. Tom ist ein kreativer Mensch, ein Tüftler, ein Erfinder, der – ganz in „Yogi-Manier“ – aus der Beobachtung der Schüler und intensivem Selbststudium neue Konzepte kreiert und stetig weiterentwickelt. Das beeindruckte mich. So überlegte ich nicht lang, als die erste Rücken- und Gelenke-Fortbildung für Yogalehrer angeboten wurde. Dieses Wissen, das ich selbst auch stetig weiter entwickle, setze ich insbesondere in Yogakursen für Anfänger ein, bei Technik-Workshops und Personal Trainings.

Einen weiteren magischen Moment hatte ich in Patrick Broomes philosophischem Talk „Erleuchteter Anarchismus“ auf der Yoga Conference in Köln, 2011. Als ich hörte, dass es bald eine vierwöchige Jivamukti-Yoga Lehrerausbildung unter Patricks Leitung am Chiemsee geben würde, war mir unmittelbar klar, dass ich das irgendwie realisieren musste. Mir ging es vor allem, vier Wochen mit wunderbaren Lehrern (Patrick, Yogeswari, Sharon Gannon, David Life) zu verbringen, in die Yogalehre abzutauchen und meinen zurückgestellten Traum endlich zu leben. Das Zertifikat (YA) war für mich eher nachrangig. 

Die Ausbildung mit den Jivamuktis unterschied sich tatsächlich stärker von meinem ersten Teacher-Training. Während der Fokus bei Lord Vishnus Couch viel stärker auf Anatomie und dem Unterrichten lag, ging es im Jivamukti-Training mehr um Yogaphilosophie, angewandte Körpermechanik und Assistieren (A.d.R.: auch Hands-on genannt). Für mich war das eine schöne und sinnvolle Ergänzung, Vertiefung und Auffrischung zugleich. Aufgrund meiner Vorkentnisse und der Unterrichtserfahrung fühlte sich die zweite Yogalehrerausbildung auch mehr an wie ein langes Yogaretreat an – ich kam glücklich und aufgetankt zurück.

Annette Böhmer mit HarmoniumInzwischen genieße ich es, Jivamukti-Yogakurse zu unterrichten. Mein Stil hat sich etwas verändert. Während ich vorher eher „Freestyle-Vinyasa-Yoga “ unterrichtete, halte ich mich inzwischen aus Überzeugung an das Konzept der Jivas: Yoga-Schriften, Klang und Meditation sowie die Aspekte Hingabe und Gewaltlosigkeit sind Bestandteil aller meiner Klassen. Der Weg des Jivanmukta ist es, selbstlos, mit Gleichmut (ohne Erwartungen an die Früchte des eigenen Handelns), mit Hingabe zum Glück anderer beizutragen, und bei allem geringst möglichen Schaden zu verursachen (viel Svadhyaya / Selbstreflektion). Das versuche ich zu leben und das möchte ich vermitteln.

ys: Trotz Fulltime-Job und verschiedenen Yogaprojekten hast du ein eigenes Yogastudio eröffnet. Wie schaffst du das?
Meine Yogalehrer-Ausbildung machte ich berufsbegleitend. Das waren neun intensive Monate, in denen ich meine gesamte Freizeit nur darauf verwendete – eigene tägliche Praxis, mindestens zwei Yogakurse pro Woche besuchen, Bücher lesen und Hausaufgaben machen. Mein Start ins Unterrichten ging dann ganz nahtlos, da meine Freundin Natascha ein Yogastudio gründete (Cool Yoga) und ich dort an den Wochenenden unterrichtete. Dann begannen wir, gemeinsam Yogareisen und eine Yogalehrer Ausbildung anzubieten. Über die Zeit entwickelte sich immer stärker der Wunsch in mir, noch mehr zu unterrichten. Eine Freundin coachte mich professionell, um diesen Plan Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen – ohne Meike Kessel (www.neuartig-coaching.de) wäre es wohl bei einem Traum geblieben und Yogakitchen in Düsseldorf nicht eröffnet

Ich arbeite mit tollen Menschen und habe glücklicherweise einen Mann, Jörg, der mich zu 100 Prozent unterstützt. Jörg hat mittlerweise die operative Geschäftsführung der YogaKitchen übernommen und lebt mit mir gemeinsam diesen Traum. Das hätte er sich vor einem Jahr sicher nicht vorstellen können.

Ich liebe das, was ich mache, empfinde beide „Jobs“ nicht als „Arbeit“ sondern als Geschenk – ich denke das ist das Geheimnis wie ich es schaffe, alles „unter einen Hut“ zu bekommen.

ys: Welche Aspekte sollten Yogalehrende beachten, wenn sie für Studios unterrichten oder eigene Räume anmieten?
Die Schüler kommen primär wegen des Unterrichts, das Studio schafft nur den Rahmen. Wichtig ist, dass hier eine gesunde Symbiose zwischen Studio und Lehrer entstehen kann, die mangels vertraglicher Regelungen meist ein recht sensibles Konstrukt darstellt, mit dem bewusst und achtsam umgegangen werden muss. Ich persönlich möchte im YogaKitchen Team nur loyale, aufrichtige und herzliche Lehrer, die das leben, was sie unterrichten und die unsere Feedbackkultur mit tragen. Das heißt, Feedback geben und nehmen zu können, um gemeinsam zu wachsen.

In puncto Selbständigkeit denke ich, dass es schlau war, ganz klein anzufangen. Zunächst mietete ich nur einen 60-QM-Raum in einem ehemaligen Schulgebäude. Das war ein Ein-Raum-Studio, und für das erste Jahr erst einmal völlig ausreichend. Am Anfang ist es sehr wichtig, die Fixkosten möglichst niedrig zu halten. Glücklicherweise bot sich nach einem Jahr dann die Möglichkeit, auf 120 QM zu erweitern. Ich kenne inzwischen auch Studios, die wieder schließen mussten – das Yogaangebot an manchen Orten ist schon groß. Man hat heute keine Erfolgsgarantie mehr wie vielleicht noch vor drei bis fünf Jahren, das sollte unbedingt bedacht werden. Om Shanti!

ys: Vielen Dank.

mho

Artikelfotos © Annette Böhmer

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