Yoga aktuell 05 2009. Das steht drin

Man kann Yoga mit spirituellen Absichten üben, muss es aber nicht. Erleuchtung hat nämlich auch – ja: seine Schattenseiten. Das Thema Spiritualität beherrscht diese Ausgabe; ihr Dossier hilft, sich von glorifizierenden Mythen und falschen Vorstellungen zu Samadhis, Einheitserfahrungen und Kundalini-Erweckungen zu trennen.

Es gibt viele Umschreibungen von Yoga, „Eins sein“ gehört zu den beliebtesten. Doris Iding redet mit der Feder Tacheles, wenn sie einen Freund von ihr, „Klaus“, kritisiert, der für die ungestörte Suche nach der Einheitserfahrung seine Arbeit aufgab und fortan von Hartz IV lebt. Sie müsse dagegen nicht nur Geld verdienen, sondern auch Steuern bezahlen. „Schließlich bin ich mit allen anderen eins. Wir sind eine Gesellschaft.“

Sie fragt sich, welchen Wert spirituelle Erkenntnisse hätten, wenn sie sich nicht in den Alltag übertragen ließen. Mit Klaus konnte sie das nicht weiter ausdiskutieren, der verabschiedete sich nämlich in einen Ashram in Indien. Dafür beantwortet Musiker Pari (der von Satyaa und Pari) Fragen nach seinen Erfahrungen. Er sei von innen her getrieben gewesen. Inzwischen ist dem Wahl-Münchener allerdings klar, dass dies nur ein Weg sei. Andere würden den inneren Frieden finden, wenn sie gerade nicht suchen. Sie stellen beispielsweise beim Kaffeekränzchen fest, das dies nicht alles im Leben sein könne. Paradox scheint gleichwohl, dass man offenbar suchen muss, um festzustellen, dass man nicht suchen muss. „Heute kann ich sagen, ja, alles ist schon da. Aber man muss es trotzdem suchen.“ Was er fand? Er bezeichnet es an einer Stelle als Genuss an der „Einfachheit und Leichtigkeit des Seins“.

David Frawley gibt einen profunden, ausführlichen Überblick zum Thema Samadhi. Einheitserfahrungen geschehen unter bestimmten Voraussetzungen. Unsere ersten spirituellen Erfahrungen seien wie die ersten Romanzen: übertrieben. Später würden sie wie ein Sonnenuntergang zum schönen Bestandteil des Lebens werden – das der Suchende allerdings darauf ausrichten sollte. Ein „höheres Bewusstsein“ sei „kein Hobby.“ Yoga ist nach Frawley das Entwickeln von Samadhi. Allerdings klassifiziere das traditionelle Yoga verschiedene Typen von Samadhi, manche davon sind eher schädlich als erstrebenswert. Erstrebenswert sind die Kontrolle des Geistes und das Verständnis unseres tieferen Selbstes. Schädlich ist die Kontrolle und Manipulation anderer Menschen. Auf dem Weg liegen heftige Körperreaktionen, die Gefahr, dass sich das Ego aufbläht oder dass verwirrende Bewusstseinszustände eintreten, die man auch im Zusammenhang mit LSD gehört hat. Frawley empfiehlt einen sattvischen Lebensstil und eine sachliche, fast wissenschaftliche Distanz und Klarheit bei der Selbstbeobachtung.

Frawleys Essay untermauern die Erfahrungen, die die Ärztin und spirituelle Lehrerin Pyar Troll-Rauch sowie der Gründer und Leiter von Yoga Vidya, Volker Sukadev Bretz, beschreiben. Pyar Troll-Rauch erlebte Samadhi vor allem als Verbundenheit mit allen Wesen, als einen zutiefst menschlichen Zustand. Danach musste sie ihr Leben allerdings neu ordnen, der Alltag ließ sich mit dieser Erfahrung nicht mehr wie bisher fortführen. Bretz unterscheidet streng zwischen gewöhnlicheren Energieerfahrungen und der Kundalini-Erweckung. Die erkenne man daran, dass „Bewusstseinsausdehnung, Zugang zu intuitivem Wissen und Wonne“ damit einher gehen. Nach seiner ersten Erfahrung dieser Art, im zarten Alter von 19 Jahren, wachte er in einer anderen Zimmerecke mit glühender Wirbelsäule auf. Er war dorthin offenbar wie in Trance im Lotussitz gehüpft, erzählten ihm die anderen. Wie Frawley empfiehlt Bretz, den Körper und Geist mit Übungen und einem disziplinierten, veganen und dienenden Lebensstil auf die Erfahrung vorzubereiten.

Einen Kontrapunkt setzt die Leidensgeschichte eines U.G. Krishnamurti, die in Auszügen wiedergegeben wird. Die gesamten Aufzeichnungen füllen ein Buch mit dem Titel „Mind is a Myth“. Der Inder kam aus theosophischen Hause. Er übte in seiner Jugend intensiv Yoga, bis zur Krise und strikten Ablehnung seines religiösen Erbes, verbunden mit dem Exil nach USA und Europa, der Beschäftigung mit westlicher Philosophie. Er wurde zynisch, durchlebte wirtschaftlichen Ruin, Ziellosigkeit, hörte auf zu suchen. Nach einem eher absichtslosen Besuch eines Vortrags von Jiddu Krishnamurtis in der Schweiz brach jedoch eine gewaltige Kraft aus ihm heraus, die mit heftigen Schmerzen verbunden war. Der Körper zeigte dort, wo die yogische Anatomie die Chakren lokalisiert, rote Schwellungen. Er nennt es „Kalamität“, „sie war ihrer Natur nach physiologisch, nicht psychologisch. Das bedeutet, dass am Ende des Bekannten der Urknall steht.“ Bei der Beschreibung seines Zustands danach, der von absoluter Absichtslosigkeit geprägt ist, bleibt sicher so mancher westlich geprägter Leser ratlos, ob das nun der Inbegriff von Glück ist.

Abschließend beschreibt und ordnet Doris Iding verschiedene Zustände der verschiedenen Erfahrungsmuster bei der Suche nach Erleuchtung mit den Begriffen der Psychologie und Psychiatrie. Danach besitzt man so etwas wie einen handlichen Erste-Hilfe-Kasten für das yogische Werkeln am eigenen Bewusstsein. Da wirken die Workshops in der Ausgabe wie beruhigende Alltagsrituale, beispielsweise eine schöne Sequenz aus dem Hause Lord Vishnu´s Couch, die auf den „Tänzer“ als Peakpoint vorbereitet (dem Asana, das den zerstörenden Shiva verkörpert). Die Meditation von Anna Trökes arbeitet diesmal mit dem Fokus auf das innere Auge auf der Stirn, dem Bindu. Und Nirmala Lucia Schmid bereitet uns mit einer Aktivierung der Merdiane in den Armen und Flanken auf den Herbst vor. Dessen Themen seien unter anderem „Spreu vom Weizen trennen, Loslassen und Kontrollverlust“. Ruhe finden im kontrollierten Kontrollverlust; das kann als Grundaussage der ganzen Ausgabe gelten.

Preis: 
€6.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Yoga Verlag