Yoga aktuell 03 2011: Sonnige Zeiten

Passend zum sonnigen Sommerwetter widmet sich die neue Yoga aktuell im Schwerpunkt-Thema dem Lieblingsstern der Erdenbürger. Allerdings ist das Thema „Sonne“ nicht nur  zentrale Kraftquelle und wichtiges Symbol. Mit der Sonne verbinden manche Stimmen auch apokalyptische Vorahnungen. Daneben stehen Workshops und ein Interview mit Kaustub Desikachar in dem neuen Heft. Till Schröder hat es gelesen.

Sonne und 2012: Apokalypse ist wieder in! Auf der Sonnenoberfläche gibt es starke Aktivitäten, was derzeit auf der Erde die Ursache für Vulkanausbrüche, Unwetter und Erdbeben sein soll. Die letzten apokalyptischen Gefühle hatten wir kurz vor Silvester 2000: das Y2K-Problem! Alle Computer würden abstürzen, hieß es damals. Und damit die Weltwirtschaft. Und damit... Passiert ist – außer dem üblichen Kater am Morgen des 1. Januar – gottseidank nichts. Das war etwas mehr als elf Jahre her. Die Sonnenaktivität erfolge in Zyklen, schreibt Dieter Broers in der neuen Ausgabe der Yoga aktuell. „Die häufigste, gemessen an der Sonnenfleckenhäufigkeit, ist der 11-jährige Schwabe-Zyklus“. Nun könnte man ins Grübeln kommen: Vor elf Jahren war auch der 11. September, und in den letzten Wochen – das wird wohl keiner abstreiten – überschlagen sich die weltbewegenden Ereignisse. Man kommt mit Zeitunglesen kaum mehr hinterher. Auch daran könnten die Sonnenaktivität und die bevorstehende Zeitenwende beteiligt sein.

Gesunder Menschenverstand ist jetzt besonders wichtig. Was im Yoga aktuell nicht erwähnt wurde: Im Internet kursierten Gerüchte zu Prognosen bestimmter Vereinigungen, wonach die Welt schon am 20. März hätte untergehen sollte. Das trat bekanntlich ebenso wenig ein wie am 21. Mai; an dem Tag, für den der amerikanische Radioprediger Harold Camping den Weltuntergang bestimmte. Zwei Tage später sagte er: Sorry, verrechnet! (Das ist ihm 1994 auch schon passiert). Er hat allerdings noch einmal nachgerechnet.  Die gute Nachricht: Wir können den Sommer noch einmal genießen, die schlechte: Am 21. Oktober soll es endgültig soweit sein! (Diesmal aber wirklich!) Und wenn dieser Tag doch ereignislos verstreichen sollte, kommen wieder die anderen Apokalyptiker zum Zug: am 21. Dezember 2012, dafür spricht angeblich das Ende des Maya-Kalenders. Über die genannten Irrtümer könnte man schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Denn es gibt Menschen – meist sind es nicht die allerschlauesten, wohlhabendsten, dafür aber vertrauensselige und entschlossene Gemüter –, die Propheten wie Camping oder Broers jedes Wort glauben. Die Hab und Gut verkaufen, sich für den Weltuntergang an einen besonderen Ort begeben und warten – um dann festzustellen, dass das Leben ohne sie weitergeht. Nur dass sie nun auch keinen Job und kein Zuhause mehr haben. Sie erleben ihren ganz persönlichen Weltuntergang. 

Weltuntergänge folgen seit Arche Noah demselben psychologischen Muster: Die Welt besteht aus wenigen guten, gläubigen Menschen, die sich an einem sicheren Ort zusammenfinden und überleben, während der große ärgerliche Rest der Menschheit weggewaschen wird. Man sollte dies als das verstehen, was es ist: ein psychologisches Muster. Zu „düsteren Prognosen“, wie sie Dieter Broers zusammenträgt und weitergibt, tragen oft auch auch düstere Geister bei. Steht irgendwo etwas über 2012 drin, findet man seinen Namen meist drunter. Yoga aktuell bestätigt seine Qualifikation zwar durch beeindruckende „Infos“ zu Broers. Trotzdem wäre es schön, einmal eine Bestätigung seiner Thesen von anderer, möglichst offizieller wissenschaftlicher Seite zu lesen.

Im Vorspann zu ihrem Interview mit der mittelamerikanischen Sonnenpristerin Nah Kin schreibt Marianne Scherer, die Spekulationen um 2012 würden kein Ende nehmen, sie reichten von Weltuntergang bis Wechsel in eine höhere Bewusstseinsstufe. Für letztes nennt sie „alte Yogaschriften“, die den Anbruch des „Goldenen Zeitalters, Dvapara-Yuga genannt“ vorhersagen. Wenigstens steht uns nach deren Prognosen – wie auch Nah Kin zufolge – etwas Gutes bevor! Auch die bekannte Kundalini-Lehrerin Gurmukh Kaur Khalsa wird mit ihren positiven Erwartungen in einem kurzen Erfahrungsbericht zitiert: „Im Wassermann-Zeitalter werden sich sämtliche Institutionen auflösen. Auch die katholische Kirche wird auseinanderfallen. Dann geht es nur noch um deine persönliche Beziehung zu dir selbst und der Schöpfung.“ In einem Interview sagte sie uns einmal, es stehe endlich eine Zeit ohne Krieg und Armut bevor.

Eine positive innere Einstellung ist immer gut, besonders in turbulenten Zeiten. Humor, Wachheit und die besten Wünsche für alle Lebewesen wirken den „düsteren Prognosen“ für 2012 am besten entgegen. „Aber das Fernsehen hat gesagt, dass das nächste Jahr eine Veränderung bringen wird. Wir alle warten schon ganz gespannt", singt der italienische Canzoniere Lucio Dalla. „Es wird drei Mal Weihnachten pro Jahr geben und den ganzen Tag Festa. Jeder Christus wird von seinem Kreuz steigen, und auch die Vögel kommen zurück.“ Sein Hit „L´anno che verrá“ (Das nächste Jahr) ist ein Evergreen in Italien. Seit 1979.

Bedenkt man, dass bis zur Einführung der Glühbirne vor rund 130 Jahren neben dem Feuer die Sonne die einzige große Lichtquelle auf Erden war, wundert es nicht, dass ihr eine so große Bedeutung in allen Kulturen zukommt. In unserer künstlich hell erleuchteten, modernen Lebenswelt dagegen muss man schon mal von Zeit zu Zeit der lebensspendenden Rolle der Sonne gedenken. Dank ist angebracht. Im Yoga steht die Sonne für Erleuchtung und das höhere Selbst, wie David Frawley in einem Überblick über die Yogaliteratur erschöpfend darstellt. Auch in der westlichen Kultur tauchen Sonnengottheiten und Hymnen an die Sonne ständig auf. Das hat der Berliner Schriftsteller Dieter Hildebrand für Yoga aktuell zusammengefasst. Das Dossier beinhaltet zudem Beschreibungen von Sonnen-Yoga, Sonnen-Meditationen und nennt Meister, die die Sonne ins Zentrum ihrer Praxis stellen. 

Neben der Sonne findet man in der neuen Yoga aktuell einen Workshop von Qbi und Dirk Bennewitz zu Hilfestellungen bei Umkehrhaltungen und einem Workshop von Babra Noh zur inneren und äußeren Spirale, einem Konzept der körperlichen Ausrichtung im Anusara-Yoga. Im Interview erklärt Kaustub Desikachar, Sohn von T.K.V. Desikachar und Enkel von Krishnamacharya, wie er das Sutra von Patanjali in der Yogatherapie anwendet und welche seine Lieblingssutren sind. Die Sutren lassen einen weiten Interpretationsspielraum. Dabei wiegt der Unterschied zwischen Patanjalis Zeiten und unseren Tagen heute schwerer als die Differenzen zwischen dem Westen und Indien: „Sie werden ... geringer in dem Maße, in dem die Welt näher zusammenrückt und kulturelle Unterschiede geringer werden.“

Das Heft liegt seit letzter Woche für 6,50 Euro in den Kiosken.

tis

 

 

Preis: 
€6.50
Ausführung: 
Magazin
Verlag: 
Yogaverlag