Wissenschaftlicher Segen für Meditation

Sie nennen es lieber „Achtsamkeit“, meinen aber Meditation: Westliche Wissenschaftler erkennen die Methoden fernöstlicher Erfahrungslehren an – als anwendbares Erkenntnissystem und Chance für die dringend nötige Geisteswende. Den Stand der Dinge offenbarte der prominent besetzte Kongress „Meditation & Wissenschaft“ am vergangenen Wochenende in Berlin. Yogalehrer Hardy Fürch war dabei.

Wissenschaft goes Buddhismus, das wurde in dem Kongress „Meditation & Wissenschaft“ besonders deutlich. Ein fast unvermeidliches Zusammentreffen, weil gerade der Buddhismus für den säkularisierten Westen und deren Wissenschaft gut geeignet ist, da er ja ohne Gott und Seele auskommt. Wissenschaft und Meditation finden zunehmend zueinander, weil von Seiten der Wissenschaft eine neue Offenheit gegenüber spirituellen und meditativen Aspekten des Menschen zu beobachten ist. Das hat ganz praktische Gründe: Die meisten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unter den Kongressteilnehmern praktizieren selbst Meditation. Zwar wird in der Wissenschaftsszene statt des (noch) etwas heiklen Begriffs „Meditation“ bevorzugt von „Achtsamkeit“ gesprochen, weil man im Wissenschaftsraum „anschlussfähig“ bleiben will; inhaltlich tat dies jedoch keinen Abbruch: Wenn von Achtsamkeit die Rede war, war auch immer die Meditation gemeint. Wobei sich der Meditationsbegriff ausschließlich auf die buddhistische Praxis bezog.

Die Referentenliste umfasste 15 teils klangvolle Namen: Die Meditationspraxis führt der bekannte Zen-Meister und Benediktiner Willigis Jäger an, die akademische Wissenschaft vertraten bekannte Köpfe wie Michael von Brück von der Universität München und Tania Singer vom Max-Planck-Institut Leipzig. Über die Philosophie des Bewusstseins referierte der medial allgegenwärtige Thomas Metzinger von der Universität Mainz.

Allen Referenten und Referentinnen war klar, dass man erst am Anfang einer großen gemeinsamen Reise Richtung größerer geistiger Tiefe und Menschlichkeit steht. Einer Reise, von der Willigis Jäger sagt, dass deren erfolgreicher Abschluss überlebensnotwendig für die Menschheit sei. Denn allein der Intellekt – so der Zen-Meister – werde die Menschheit nicht vor ihrem Untergang bewahren helfen. Und es gibt durchaus Anlass zu Optimismus: Meditation wirkt. Die vorgestellten Studien weisen deutlich darauf hin, dass schon eine relativ kurze Meditationpraxis signifikante positive Hirnveränderungen wie mehr Graue Substanz bewirken oder Patienten bei der Schmerz- oder Stressbewältigung helfen kann. Hier steht die Forschung zwar noch am Anfang. Es sind jedoch bereits größere Studien im Gange oder geplant, auch unter Einbezug von Yoga. Die immer feineren bildgebenden Verfahren und Messtechniken würden hierzu zukünftig noch signifikantere Forschungsergebnisse bringen, so die optimistisch gestimmte Wissenschaftsfraktion.

Der Fernsehjournalist Gert Scobel, der die Abschlussdiskussion leitete, wies darauf hin, dass der Kongress in dieser Form wohl ein erstmaliges Ereignis sei. Es war deutlich zu spüren, dass er diese Einschätzung mit dem Großteil der fast 500 Teilnehmer teilte. Im superedlen Atrium der Deutschen Bank, die ihre Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellte, wurde ein Anfang gemacht. Ein  Anfang, den alle Anwesenden als geschichtsträchtigen Moment erlebten, in dem sich Spiritualität, Meditation und Wissenschaft auf gleicher Augenhöhe begegneten.

Hardy Fürch

Artikelbild: Kongress im Atrium der Deutschen Bank. © Philipp von Recklinghausen

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Meditation sei mitten in der Gesellschaft angekommen, schreibt die Süddeutsche Zeitung nach dem Kongress und unterscheidet dabei die ernstzunehmenden, wichtigen Ansätze von Vorurteilen ebenso wie die falschen Erlösungsphantasien.