Wie praktisch sind die Sutras?

Philosophie ist trockene Theorie, Asanas sind erholsame Praxis – stimmt das so? Eckard Wolz-Gottwald unternimmt in seinem neuen Buch  den Versuch einer „philosophischen Praxis“ am Beispiel der Yogasutras von Patanjali. Noch ein Buch über Patanjali? Und wie kann Philosophie praktisch werden? Ein Gespräch zwischen dem Autoren und Till Schröder.

Till: Ich wage einmal die Behauptung, dass der Philosoph Patanjali heute gar nicht so bekannt und beliebt wäre, wenn nicht alle so begeistert den körperbetonten Hatha-Yoga üben würden. Und Hatha-Yoga boomt, weil er diese wunderbare Verbindung aus Sport, Reflexion und Erholung bietet.

Eckard: Da kann ich dir nur zustimmen.

Till:Hatha-Yoga beruht aber eigentlich auf dem tantrischen Weltbild, und das beschreibt im Kern Energieflüsse wie die Kundalini und behauptet Parallelen zwischen dem innerlichen Mikrokosmos und dem äußerlichen Makrokosmos. Philosophie dagegen ist, um es mit den Worten des deutschen Philosophen Dieter Henrich zu sagen, Gedanken bewegen. In diesem Sinne ist Patanjalis Yoga schon eher Philosophie samt eigentherapeutischer Anwendung. Ist es da nicht unpassend, Patanjali zum theoretischen Überbau von Hatha-Yoga zu machen?

Eckard: Mir ist Yoga-Philosophie als Theorie oder theoretischer Überbau sogar grundsätzlich zu wenig. Patanjali war auch weniger ein Theoretiker, sondern vielmehr ein philosophischer Praktiker. In der philosophischen Übungspraxis liegt das besondere Potential der Yoga-Sutras für unsere heutige Zeit.

Till: Wenn Du von philosophischer Übungspraxis sprichst – bedeutet das, ich übe nur mit Gedanken? Schließt das die körperliche Übungspraxis aus? 

Eckard: Das Üben mit dem Körper und das Üben mit dem Denken schließen sich nicht aus. Beides kann sich sogar wechselseitig fördern. Das ist ja das Geniale am Yoga, dass uns hier eine so große Vielfalt an Übungsmöglichkeiten an die Hand gegeben wird. Mit der Körperpraxis können wir uns erden, mit der Denkpraxis werden wir uns der spirituellen Tiefe des Yoga bewusst.

Till: Wie übe ich denn ‚philosophisch‘? 

Eckard: Das Prinzip der philosophischen Übungspraxis liegt darin, dass ich nicht nur die Theorie der Yoga-Sutras verstehen will, sondern den tieferen Sinn meiner eigenen Yogapraxis. Meine Fragen richte ich nicht mehr an die ewige Weisheit des Patanjali, sondern an mich selbst. Durch die philosophische Praxis wird es möglich, mich zu transformieren. So erst können wir uns der ursprünglichen, spirituellen Dimension der Körperpraxis, der Atemübungen und der yogischen Meditation bewusst werden.

Till: Stellst Du einen Bezug her zu neuen Forschungsergebnissen, heutigen Mentaltechniken oder Ansätzen aus dem Selbstmanagement?

Eckard:Mir geht es nicht um Forschungs­ergebnisse. Ich will nichts begründen oder belegen. Und ich zeige auch keine Technik auf. Alles was wir benötigen, ist in den Yoga-Sutras selbst zu finden. Mir geht es darum, dass wir lernen, den ursprünglichen Sinn der Yoga-Sutras in der philosophischen Übungspraxis zu entdecken.

Till: Meiner Meinung nach, macht es sich zu einfach, wenn man die Weisheit des Patanjali für ewig anwendbar erklärt und dabei ignoriert, dass der Mensch heute mit ganz anderen Herausforderungen kämpft, als zu Zeiten von Patanjali. Er lebte vor mindestens 1600 Jahre.

Eckard:Eine Weisheit für ewig zu erklären, ist einfach. Zu Beginn brauchen wir aber oft einfache Wahrheiten. Wichtig ist, bei den einfachen Wahrheiten nicht stehen zu bleiben und Patanjali aus der Ecke der heiligen Weisheitsbücher herauszuholen. Wenn wir den Weg des Yoga als philosophische Praxis gehen, besteht die Hoffnung, dass wir mit der Zeit von außen vorgegebene, ewige Wahrheiten nicht mehr nötig haben. Es besteht die Chance, dass wir die Bewusstheit dafür entwickeln, was wirklich zählt. Und das finden wir nicht darin, die Weisheit des Yoga für ewig zu erklären, sondern in der Achtsamkeit eines bewussten Lebens im Hier und Jetzt.

Till: Achtsamkeit ist ein Begriff, der unter Hirnforschern, Meditationslehrern und Therapeuten derzeit sehr en vogue ist. Wie nennt Patanjali Achtsamkeit?

Eckard: Es gibt leider keinen Sanskritbegriff in den Yoga-Sutras, der unmittelbar mit „Achtsamkeit“ übersetzt werden könnte. Ich verwende Achtsamkeit trotzdem gerne auch im Zusammenhang der Yoga-Sutras, da mir die Grundintention der Sutras mit dem Begriff zum Ausdruck zu kommen scheint. Mehr aber auch nicht.

Till: Philosophie heißt wörtlich „Liebe zur Weisheit“. Allerdings suchen heute viele Menschen vergeblich nach Weisheit in der modernen Philosophie. Deshalb gibt es ja auch die relativ neue akademische Disziplin der „Weisheitsforschung“. Du hast dich mit den Weisheitslehren und Mystikern vieler Kulturen beschäftigt. Gibt es Grundaussagen, in denen sich alle einig sind?

Eckard: Alle Weisheitslehren sind sich darin einig, dass es nicht ausreicht, nach einer überall gültigen Grundaussage zu fragen. Immer geht es um Wege. Zu Beginn des Weges mag dann der Glaube an in Sätzen formulierte, feste Wahrheiten im Vordergrund stehen. Mit der Zeit wird es jedoch wichtig, dass wir den Weg selbst gehen und uns so zu immer mehr Bewusstheit und Achtsamkeit wandeln und transformieren. Immer geht es um Schatzkarten, die auf einen Schatz weisen, der tief in uns vergraben ist. Eine der besten Schatzkarten, die uns heute zur Verfügung stehen, liegt uns in den Yoga-Sutras vor. Aber auch hier gilt, dass es nicht ausreicht, die Philosophie der Schatzkarte zu verstehen. Wenn wir den Schatz des Yoga heben wollen, dann müssen wir den dort aufgezeichneten Weg schon selbst gehen. Yoga-Philosophie als theoretischer Hintergrund des Yoga wandelt sich dann zur philosophischen Praxis.

tis

Die Mitglieder des BDY (und Leser des DYF) haben die "Yoga-Sutras im Alltag" zum ‘Yogabuch des Jahres 2014’ gewählt.

 


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