Was ist Yoga? Etwas sehr persönliches.

Was ist Yoga? Die „große Y-Frage“ stellten wir vielen Übenden, Lehrenden und Experten. Diese vielfältigen Antworten und wunderschönen Zitate von Dharma Mittra, Richard Freeman, Patricia Thielemann, QBI, Sriram und vielen anderen haben wir für euch in einer Übersicht zusammengestellt, die regelmäßig um neue Beiträge ergänzt wird.

In unserem Lexikon auf yogaservice.de erklären wir Yoga so: Yoga, aus der Sanskritwurzel yuj, bedeutete ursprünglich Joch, wird aber auch mit Anschirren, Gespann oder Fahrt übersetzt. Die ersten Yogis übernahmen das Wort aus der Bauernsprache als Metapher für einen besonderen Bewusstseinszustand. Seit dem 6. Jahrhundert steht es auch für ein Übungssystem, das diesen Zustand technisch herbeiführt. Die Weisen (rishis) aus dem Zeitalter des Veda beobachteten, dass manche Menschen den Zustand des Yoga auch unvermittelt, ohne zu üben, erleben. Yoga sei ein anderes Wort für Samadhi, schreibt der indische Yogalehrer R. Sriram. Dieser Zustand wiederum wird in der Regel als ein Erlebnis der absoluten Klarheit, tiefen Entspannung sowie Harmonie mit sich selbst und dem Außen bis hin zur Einheitserfahrung dargestellt.

Yoga als Bezeichnung für ein Übungssystem, das diesen Zustand technisch herbeiführt, erwähnt erstmals das Taittiriya-Upanishad aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert. Die Upanishaden gilt als jüngste Textgruppe der Veden; die philosophische Grundlage des Vedanta, wörtlich das „Ende der Veden“.

Von zentraler Bedeutung für die Definition des Yogazustands ist das Sutra 1.2. aus dem rund 2000 Jahre alten Yogasutra des Yogagelehrten und Philosophen Patanjali: „Yogah citta vritti nirodhah“. Demnach ist Yoga der Zustand, in dem die Bewegungen (vritti) der Gedanken (citta) so ausgerichtet werden, dass sich im Übenden eine dynamische Stille (nirodhah) einstellt. Das Bild der Vereinigung aller Sinne und des Denkens in der Ausrichtung auf einen Gegenstand ist auch die gängige Interpretation der Metapher des Anschirrens. Doch wie bei Metaphern üblich, interpretiert heute jeder Lehrer und Experte Yoga je nach Erfahrungshintergrund etwas anders.

Soweit der Lexikoneintrag. Wir haben während der vergangenen Jahre viele Übende und Experten interviewt. Und meist begannen wir das Gespräch mit der Frage: Was ist Yoga? Jeder antwortete anders – aber immer war die Antwort schön. Daraus kreiierten wir für euch unsere neue Serie  „Was ist Yoga?“. Sie beginnt mit der Antwort der Asthanga-Kapazität Richard Freeman.

 

Richard Freeman

"Ein Weg, Yoga zu erklären ist, wenn man von einer Sache sehr eingenommen und erfreut wird, wie zum Beispiel, wenn man ein gutes Musikstück hört und man an einen Ort gelangt, an dem man sich ganz mit dem Rhythmus oder mit der Schönheit der Melodie verbindet. Oder, wenn wir in der Natur sind. Wir sehen eine schöne Anordnung von Bäumen, Steinen oder Bergen und das löst etwas in uns aus, dass unsere Gedanken vom ständigen Umherwandern zurückholt und man sich in einem Moment der völligen Zufriedenheit befindet. Yoga ist oft auch dann, wenn wir ein ekstatisches Erlebnis haben, eine Erlebnis der Schönheit, mit dem wir Yoga auf ursprüngliche Weise begegnen. So ist es auch sehr nah an Yoga, wenn man sich verliebt oder wenn man sehr gutes Essen isst. Daher kommen viele Menschen zum Yoga, nachdem sie bereits von Natur aus viele Erfahrungen mit Yoga gemacht haben".

Auszug und Übersetzung aus dem Video-Interview mit Richard Freeman

Weitere Informationen und Artikel zu Richard Freeman auf yogaservice 

Foto Richard Freeman

Foto: Richard Freeman © Yogaworkshop

Weitere Zitate "Was ist Yoga?"
Annette Böhmer, Cyndie Lee, David Frawley, David Swenson, Dharma Mittra, Dinah Rodriguez, Ganesh Mohan, Govinda Kai,Lucia Nirmala Schmidt, Nicky KnoffPatricia Thielemann, Patrick BroomeQBI (Andrea Kubasch)R. Sriram, Richard Hackenberg, Silvio Fritzsche, Todd Tesen,  Young-Ho Kim

 

Patrick Broome

"Das eine ist die klassische Definition, wie sie auch im Jivamukti-Yoga populär ist: Yoga als ein Weg zur Erleuchtung über Mitgefühl. Ich persönlich sehe Yoga zweistufig. Einmal als ein Weg, der Dich befreien kann, von diesen ganzen selbst auferlegten Grenzen, Beeinträchtigungen und Einschränkungen…und Yoga als einen Zustand, in dem man aufhört, sich getrennt von den anderen zu fühlen“.

Auszug aus dem Interview mit Patrick Broome

Weitere Artikel und Informationen zu Patrick Broome

Website Patrick Broome

 

R. Sriram 

"Yoga ist die Fähigkeit, von einem Punkt hin zu einem anderen zu kommen, wo man noch nicht gewesen ist. Natürlich ein etwas fortschrittlicheren Punkt. Wenn ich in Bezg auf Yogaübungen eine neue Übung beherrsche, die ich vorher noch nicht beherrscht habe, dann sage ich, das war ein yogischer Schritt. Wenn ich früher sehr empfinglich war, wenn mich jemand kritisierte und ich jetzt nicht mehr so empfindlich bin, dann ist das ein Schritt in Richtung Yoga. Wenn ich früher sehr allergisch reagierend - auf viele Kleinigkeiten - krank geworden bin, und das nicht mehr will, dann ist das ein Schritt in Richtung Yoga".

Auszug auf dem Interview mit Sriram
Weitere Artikel und Informationen zu Sriram

 

QBI, Andrea Kubasch, Power Yoga Germany

QBI Andrea Kubasch

"Yoga ist die Wissenschaft vom Leben selbst. Es gibt dafür keine wirkliche Anleitung. Alles was wir im Yoga tun, ist eine Praxis, es ist eine „Entwicklung“ im besten Wortsinne. Immer einen Schritt nach dem anderen. Das Erkennen und Loslassen von eigenen Denk- und Verhaltensmustern bringt uns näher an ein unkompliziertes und damit glückliches Leben. Die Krone allen Yogas ist die Schlichtheit. Und die erkennt man, wenn „das Licht angeht“ und man besser sehen kann".

Auszug aus dem Interview mit QBI

Weitere Artikel und Informationen zu QBI auf yogaservice 

Website QBI Power YogaGermany

 

Ganesh Mohan, Svastha Yoga Germany

(Überlegt lange). "Ich habe eigentlich keine eigene Definition. Ich würde sagen, die klassische Definition ist, einen stillen, ausgeglichenen Geist zu haben. Alles was uns dort hin führt, ist Yoga. Ein gesunder Körper, ein friedlicher Geist. Das ist alles".

Auszug aus dem Interview mit Ganesh Mohan

Weitere Artikel und Informationen zu Ganesh Mohan

Website Svastha Yoga Germany


Young-Ho Kim, Inside Yoga

"Yoga ist für mich eine sehr intelligente Methode, um Philosophie oder Weisheiten zu verkörpern. Ich hatte immer so einen "Gap", eine Entfernung zwischen dem Leben an sich und dem, was ich mit meinem Körper mache und der philosophischen Welt. Die Entfernung war zu groß. Ich habe immer versucht, die Brücke zu finden, zwischen Philosophie und dem Leben an sich. Yoga war plötzlich da und eine perfekte Methode, um das zu verkörpern, das auszudrücken,was ich im Kopf verstanden habe aber manchmal schwierig war, zu leben. Yoga ist für mich die perfekte Brücke."

Auszug aus dem Interview mit Young-Ho Kim

Weitere Artikel und Informationen zu Young-Ho Kim aus yogaservice

Website Inside Yoga 

 

Patricia Thielemann, Spirit Yoga

"Ein erfülltes, ausgewogenes Leben leben zu können. Weil gerade im Hatha-Yoga diese integrieren der Gegensätze eine große Rolle spielt. Und somit finde ich den Bezug zum Weltlichen wie den Bezug zum Sirituellen durch eine Technik, durch ein Werkzeug, bearbeiten zu können, was ganz wunderbares, was sonst kein Sport, keine andere Disziplin mir geben würde. Yoga tut eben genau das. Dass ich das Gefühl habe, es harmonisiert den Bezug zu Gott und der Welt und das finde ich ganz wunderbar".

Auszug aus dem Video-Interview mit Patricia Thielemann

Weitere Artikel und Informationen zu Patricia Thielemann

Website Spirit Yoga

 

Anette Böhmer, Yogakitchen

"Yoga ist für mich der Weg, der alle Wege, die ich vorher ausprobiert habe, vereint – sei es der christliche Glaube, in dem ich aufgewachsen und verwurzelt bin, der Ausdauersport oder etwas Kreatives wie Malen und Musizieren. Je länger ich Yoga übe und mich mit Yogaphilosophie beschäftige, desto mehr begreife ich die Bedeutung von Yoga, die mit Einheit, Aufheben des Getrenntseins übersetzt werden kann. Ich fühle ich mich nicht nur selbst mehr als Einheit sondern empfinde auch tiefe Verbundenheit mit aller Existenz. Dies drückt sich vor allem in tiefer Liebe zu meinen Schülern aus und in meiner vegetarischen Ernährungsweise".

Auszug aus dem Interview mit Annette Böhmer, "Yogawege: Ausbildungen und magische Momente"

Website Yogakitchen

 

Silvio Fritzsche, Yogabasics

"Yoga kann alles sein, wirklich alles. Für mich ist Yoga eine Reise zu mir selbst. Und diese Reise wird mich hoffentlich mein ganzes Leben begleiten. Durch Yoga habe ich gelernt, gelassener auf Veränderungen zu reagieren, Ruhe zu erfahren und ich fühle mich in „meinem“ Körper wieder wohl. Yoga ist ein ständiger Begleiter geworden, mein kleiner Kofferträger auf einer großen Reise. Dieser Koffer wird immer leichter, weil man immer weniger braucht und der Ballast durch die regelmäßige Praxis abnimmt!"

Auszug aus dem Interview mit Silvio  "Yogawege: Silvio Fritzsche, Yogareiseveranstalter"

Weitere Informationen & Artikel zu Silvio Fritzsche

Website Yogabasics

 

David Frawley, Vedic Center

David Frawley ©Vedic Institute

"Ich folge der traditionellen Definition von Yoga wie sie Patanjali im Yogasutra aufführt:„Yoga ist die Beruhigung des Geistes für die Verwirklichung des Selbst (Atman oder Purusha)“. Es gibt andere Texte wie die Bhagavad Gita, Upanishaden und viele shivaistische Yogabücher mit ähnlichen Definitionen. Nirgends in der Sanskrit-Literatur ist Yoga als Körperübung (Asana) definiert, deren Bedeutung es heutzutage im Vordergrund steht. Es wird meist als Meditation oder Samadhi beschrieben".

Auszug aus dem Interview mit David Frawley

Weitere Informationen & Artikel zu David Frawley

Website David Frawley, Vedic Center

 

 

Dharma Mittra, Dharma Yoga Center

"Nun, Yoga ist eine Abkürzung zur Unsterblichkeit. Es ist keine Religion, aber eine Wissenschaft die – wenn richtig praktiziert – dem Schüler eine glänzende Gesundheit sowie mentale und psychische Kraft innerhalb kürzester Zeit schenkt. Dies mag man dann für die Selbstverwirklichung nutzen, dem eigentlichen Ziel des Lebens. In der Bhagavadad Gita steht, dass Gott im Schöpfungsmoment ein Teil von jedem Lebewesen wird, und seine Behausung in jedem Herzen habe. Wir alle tragen göttliches Licht in uns – alle die gleiche 100 Watt-Birne. Aber für viele bleibt die Birne von Schichten umhüllt, und nur ein paar Strahlen scheinen durch. Yoga ist eine sehr alte Tradition, die uns hilft, uns von diesen Schichten zu reinigen und unseren Geist zur Ruhe zu bringen. Irgendwann manifestiert sich das Licht in uns als ganze Größe, und wir können so klar sehen wie das Höhere Selbst oder Gott. Das braucht natürlich seine Zeit und es ist wunderbar, wenn einem jemand zur Seite steht, der von diesem Licht schon ein bisschen mehr in sich trägt als man selbst. Folgende Punkte sind wichtig, um den Zweck von Yoga zu entdecken: Iss kein Fleisch von Tieren, sei freundlich, übe jeden Tag Yoga, widme alle Früchte deiner Taten etwas Höherem und betrachte die Ganzheit von Yama und Niyama. Und das, meine Freunde, nenne ich Yoga".

Auszug aus dem Interview mit Dharma Mittra

Weitere Informationen & Artikel zu Dharma Mittra 

Website Dharma Yoga Center

 

Nicky Knoff, Knoff Yoga School

"Yoga ist ein Lebensweg. Die Leute fragen mich oft, ob ich mein Leben aus der heutigen Sicht anders leben würde. Was die Yogapraxis betrifft, würde ich auf gar keinen Fall irgendetwas verändern. Das hat damit zu tun, dass ich Menschen sehr mag. Yoga ist eine gute Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu verbinden. Ich kann mich glücklich schätzen, bislang an vielen Orten der Welt unterrichtet zu haben".

Auszug aus dem Interview mit Nicky Knoff

Website Knoff Yoga School

 

Todd Tesen, Anusara-Yoga

"Yoga bedeutet für mich Identifikation, Verbindung und Beziehung. Diese drei Dinge ziehe ich aus meiner Yogapraxis und dorthin führt auch mein eigener Unterricht. Wenn wir uns mit etwas identifizieren, können wir uns damit verbinden und eine Beziehung eingehen. Dieses Etwas können wir selbst sein, ein anderer Mensch, das Universum, einfach alles".

Auszug aus dem Interview mit Todd Tesen

Weitere Informationen & Artikel zu Todd Tesen

 

Artikelfoto: © Claudia Casagrande, Model: Deborah Haaksman

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wird regelmäßig um neue bzw. weitere Zitate ergänzt und veröffentlicht.Erstveröffentlichung des Artikels am 01. Januar 2013.

Literatur

Patanjali. Das Yogasutra (Von der Erkenntnis zur Befreiung). Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram

Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des Patanjali (Eine Einführung). Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar

Der Stammbaum des Yoga (5000 Jahre Yoga – Tradition und Moderne). Mathias Tietke

Yoga-Philosophie-Atlas. Eckard Wolz-Gottwald

Yoga aktuell 05/2011. Artikel „Vom Ur- zum Feuerabendt-Yoga“, Porträt von Sidmund Feuerabendt, Mathias Tietke.