Therapieformen: Yoga für das Herz

Woran sterben die meisten Menschen? Richtig, an einer Herz-Kreislauferkrankung. 41 Prozent zählte das Statistische Bundesamt 2010 in Deutschland. Die gute Nachricht ist, dass immer mehr wissenschaftliche Studien für Yoga als wirkungsvolle Therapie sprechen. Yogalehrerin Susanne Hauptmann, die Herzpatienten nach der Methode von Dean Ornish unterrichtet, über ihre Erfahrungen.

Die Wochenzeitung Die Zeit fragte vergangene Woche schon irritiert: „Noch jemand ohne Burnout?" Auch der Spiegel versuchte zu verstehen, worum es sich bei diesem „Volksleiden“ eigentlich handelt. Einig sind sich Experten zumindest darin, dass es irgendwie mit dem falschen Umgang mit Stress zu tun hat. Da ist es auch nicht mehr weit zu „stressbedingten Herzkrankheiten“: Bunrout, Stress, Herzversagen – alles liegt mehr oder weniger auf einer Linie. Oberflächlich betrachtet.

Gegen einen chronischen Erschöpfungszustand, wie Burnout auch genannt wird, hilft Yoga schon allein dadurch, dass damit der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung geübt werden kann. Darüber hinaus aber können Wissenschaftler die Wirkung von Yoga immer präziser auf die Gesundheit des Herzens beziehen. Dieser therapeuthische Ansatz wird also zunehmend in der Schulmedizin hoffähig, wie man auch in der öffentlichen Berichterstattung seit längerem verfolgen kann.

Der prominente amerikanische Herzspezialist Dean Ornish entwickelte schon 1984 seine „Lifestyle Herzstudie“. Die geeignete Ernährung und Yoga, so hatte er herausgefunden, halfen, Herzoperationen bei Patienten mit koronaren Herzkrankheiten zu vermeiden. Damals wurde er von seinen Kollegen laut ausgelacht. Doch er stellte ein gigantisches Forschungsprogramm auf die Beine. Mit freiwilligen Probranden führte er ein mehrmonatiges Programm durch, das Yogaübungen, Gruppengespräche und eine fettarme Ernährung umfasste. Wie er es vorausgesagt hatte, ging es den Patienten von Woche zu Woche besser. Bei vielen ließ sich mit bildgebenden Verfahren eine erneute Weitung der Herzkranzgefäße nachweisen. Häufig konnte eine Operation vermieden werden. Andere wissenschaftliche Institute zogen nach und kamen zu den gleichen Ergebnissen: Yoga heilt.

Speziell die koronaren Herzkrankheiten scheinen gut auf Yoga zu reagieren. Hier handelet es sich um eine Erkrankung der Herzkranzgefäße (Koronararterien). In den meisten Fällen verkalken diese in Folge von Ablagerungen in den Gefäßwänden. Die schränken die Durchblutung der Herzmuskulatur ein. Ursache für diesen schleichenden Prozess ist in den meisten Fällen schlicht der Lebensstil: fettreiche Ernährung, mangelnde Bewegung, innerliche Anspannung. 

Für die Yogapraxis bedeutet das: Der Lehrer passt die Körperübungen (Asanas) an die gesundheitlichen Möglichkeiten der Teilnehmer mit Herzbeschwerden sorgfältig an. Häufig besteht Kurzatmigkeit oder Übergewicht; schon leichte körperliche Belastung kann zu anstrengend sein. Auf der mentalen Ebene findet sich bei vielen Teilnehmern trotzdem noch eine übergroße Portion Ehrgeiz. Ziel der Yogastunde muss sein, Harmonie der körperlichen Symptome mit den geistigen Einstellungen herzustellen. Sofern die Teilnehmer nicht durch vorherige Operationen oder sonstige Eingriffe geschwächt sind, kann hier viel Überzeugungsarbeit nötig sein. Unsere Berufswelt belohnt Leistung, Entspannung wird unterbewertet. Bevor ein „richtiger“ Manager bereit ist, loszulassen und sich zu entspannen, muss viel passieren. Hier kann man als Yogalehrer gleich selbst seine Geduld trainieren.

Je nach körperlicher Möglichkeit der Teilnehmer kann man mit ganz einfachen Übungen auf dem Stuhl beginnen. Die meisten Teilnehmer sind nicht gewohnt, ihren Körper so eingehend zu beobachten. Einfache Asanas wie Kopfhaltungen, Rotation der Hand- und Fußgelenke sowie Knie heben im Sitzen – das reicht für den Anfang. Die Teilnehmer sollen lernen, dass der Gewinn von Yoga für sie selbst in der langsamen Ausführung und in der Entspannung besteht, nicht in der schnellen Ausführung.

Nach den Asanas auf dem Stuhl kann man langsam auf den Boden wechseln, sofern die Teilnehmer körperlich dazu in der Lage sind. Selbstverständlich muss der Lehrer auf eventuelle Operationsnarben oder Schmerzen Rücksicht nehmen. Schritt für Schritt werden die Teilnehmer so aus der Enge, das heißt: dem Stress in die Weite, also in die Gesundheit geführt. Lebensfreude und Zuversicht nehmen zu, die Lebensqualität steigt um ein Vielfaches an und so angespornt, gelingt es den meisten Teilnehmern, diesen gesunden Lebensstil beizubehalten.

Auch die Teilnehmer der Studie von Dean Ornish fanden es anfangs ziemlich albern, sich über Gefühle auszutauschen, sich mit langweiligen Übungen zufrieden zu geben und auf die gewohnte Ernährung zu verzichten. Aber nach und nach erkannten sie selbst, welchen Gewinn sie daraus zogen: körperliche Fitness, innere Ruhe und einen gesunden Schlaf – ein allumfassendes Wohlbefinden.

Susanne Hauptmann

Artikelfoto: Dean Ornish auf dem Cover der Newsweek, 2009. © Newsweek