Sich gut fühlen und gut sein

Nach einer Yogaklasse fühlt man sich gut. Und so gut gelaunt ist man auch ein besserer Mitmensch, so lautet verkürzt die These eines Artikels von Sarah Stork in der "Welt". Ist das wirklich so? Till Schröder unterhielt sich gerade mit Yogaphilosoph Eckard Wolz-Gottwald über dieses Thema. Wir kamen zu einem anderen Ergebnis.

Die aktuelle Ausgabe des Deutschen Yoga-Forum (DYF), der Zeitschrift des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland (BDY), widmet sich dem Schwerpunkt Ethik. Eckard Wolz-Gottwald und ich unterhielten uns dafür über Yoga als Religion, die Frage, ob man sich überhaupt verändern kann und will, und darüber, ob eine Yoga zum besseren Menschen mache. Wir fanden die Sache nicht so eindeutig. Als Überschrift schlugen wir deshalb vor: „Sind Yogis wirklich bessere Menschen?“. Für Chefredakteur Dirk Glogau stand die Sache dagegen fest, er wählte die Überschriftt: „Yogis sind keine besseren Menschen“. Ganz anders dagegen die Springerzeitung Die Welt, die am 31. März 2015 ebenfalls klare Position bezog: „Mit Yoga werden Sie zu einem besseren Menschen“. Eine gewagte These in Zeiten, in denen so viele Yogameister, Gurus und Stilgründer durch sexuellen Missbrauch, Veruntreuung oder autoritäres Gehabe moralisch eher fragwürdig. Die Lehre der letzten Jahre war eigentlich: Yogameister sind auch nur Menschen.

Die Autorin begründet ihre Ansicht recht unbekümmert: „Wenn Yoga also dazu beiträgt, die individuelle Energie eines Einzelnen positiv zu verändern, hat dies doch auch unweigerlich Auswirkungen auf die Umwelt.“ Man gehe aufmerksamer durch die Welt, sehe, wer Hilfe benötige, und habe auch die Kraft dazu, zu helfen. „Man hält anderen gern die Tür auf, trägt einer älteren Dame die Einkäufe über die Straße, hebt Müll auf, der auf dem Weg liegt, obwohl er nicht von einem selbst ist usw. Sie kennen dieses Phänomen bestimmt auch. Ganz nach dem Motto ‘Jeden Tag eine gute Tat'“.

Diese Auffassung ist unter westlichen Yoginis und Yogis durchaus beliebt. Es ist so beruhigend, sich auch im moralischen Sinne gut zu fühlen. Die Welt mit einem Lächeln zu einem besseren Ort zu machen, gibt der Yogapraxis einen höheren Sinn. Und am Badezimmerspiegel klebt ein Zettel mit Mahatma Gandhis berühmten Spruch: „Be the change you want to see in the world.“ Nur: kann und soll das moderner Yoga wirklich leisten? Ich hab da in letzter Zeit so meine Zweifel. Hier unser Gespräch:

Till: Interessant ist, dass die gängigen Auseinandersetzungen um die yogische Ethik oft auf eine Ethik mit viel Sollen und Müssen herauslaufen. Und als Belohnung wird  in Aussicht gestellt, dass man glücklich wird (und gleichzeitig die Welt zu einem besseren Ort macht). Irgendwie schmeckt das manchmal doch geradezu puritanisch protestantisch. Nur dass einen nicht mehr Gott belohnt, sondern das Leben selbst, weil es mit Patanjali angeblich besser läuft.

Eckard: Yoga zu üben bedeutet einen Weg zu gehen. Am Anfang des Weges ist es meist hilfreich, von außen gesagt zu bekommen, was die Gebote guten Handelns sind. Auch die Yoga-Sutras kennen mit den Yamas und Niyamas Gebote wie Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Nicht-Stehlen usw. Die Erfahrung zeigt, dass wir zu Beginn des Weges von außen vorgegebene Gebote nur dann einhalten, wenn uns eine Belohnung bei Befolgen in Aussicht gestellt wird und Bestrafung bei Missachtung droht. Liest man die Yoga-Sutras genauer, so wird man erkennen, dass der Weg weiter gehen kann. Yogische Ethik wandelt sich von einer Gebotsethik zur ethischen Übungspraxis, die uns transformiert. Wir lernen mit der Zeit, aus unserer eigenen Bewusstheit heraus gut zu handeln, so dass wir immer weniger vorgegebene Gebote brauchen. Wenn dann noch die innere Stärke wächst, wird auch die Bedeutung von Belohnung und Bestrafung als Motivation des Handelns abnehmen. Man lernt bewusster zu leben, um so in Achtsamkeit den eigenen Weg guten Handelns zu gehen.

Till: Wenn sich alle an die gleichen yogischen Gebote wie beispielsweise die Yamas und Niyamas von Patanjali halten, ist das doch kein eigener Weg, sondern ein Leben nach den Regeln einer Art weltweiter Religionsgemeinschaft.

Eckard: Man kann große Teile der Yoga-Community durchaus mit einer Religionsgemeinschaft vergleichen, die sich an bestimmten Geboten orientiert. Oft erhofft man sich für das Erfüllen der Gebote auch eine entsprechende Belohnung. Man handelt ‚yogisch‘, um sich dann persönlich besser zu fühlen oder etwas Gutes für die Welt zu tun. Die gegenwärtige Diskussion um die Rettung des Planeten mit einem veganen Kochbuch hat in diesem Sinne durchaus religiösen Charakter angenommen. Da die Gebote des Yoga jedoch nicht die schlechtesten sind, ist mit ihrem Einhalten auch schon einiges erreicht. Es gibt aber noch mehr, als sich an von außen vorgegebene Gebote zu halten. Es geht darum, den Weg der Transformation zu gehen, um so zur ursprünglichen Einsicht in gutes Handeln zu gelangen.

Till: Wir müssen uns heutzutage schon ständig transformieren, um mit den Umbrüchen der Arbeitswelt Schritt zu halten. Was verspricht mir Patanjali dafür, dass ich mich im Wettbewerb zurückhalte und stattdessen lieber ethisch ‚gut‘ werde?

Eckard: Bei Patanjali ist zu lesen, dass dem wahrhaften Yogi alle Schätze zukommen. Allerdings kommen nur demjenigen alle Schätze zu, der nicht mehr an Geld und Besitz gebunden ist. Es geht also weder darum, sich im Wettbewerb zurückzuhalten, noch darum, ethisch ‚gut’ handeln zu müssen. Der ursprüngliche Sinn aller Yogaübungen ist die Öffnung für eine innere Loslösung von unserer Gebundenheit an Anerkennung, sinnliche Freuden und Wohlstand. Es geht um die Loslösung von der Gebundenheit an all die Schätze, die wir erstreben. Wahrscheinlich heißt das aber auch, dass einem erst dann alle Schätze zukommen werden, wenn man nicht mehr an sie gebunden ist und sie so nicht mehr braucht.

Till: Ist das überhaupt realistisch: In unserer üblichen Art, ein modernes Leben zu führen und sich gleichzeitig von aller Gebundenheit loszulösen? Dazu müsste man doch eigentlich in ein Ashram, Kloster oder zumindest in eine einsame Hütte im Wald ziehen.

Eckard: Schon die Bhagavadgita macht sich über den Yogi lustig, der sich von seiner Familie und seinem Reichtum in eine einsame Höhle zurückgezogen hat, dort aber nichts anderes tut, als voll innerer Gebundenheit an all das zu denken, was er verlassen hat. Sicher ist es hilfreich, sich hin und wieder vom Alltagstrubel zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen. Letztendlich kann Weltflucht jedoch keine Lösung sein. Wir leben nun einmal mitten im Weltgeschehen. Die einzige Chance die wir haben ist die, an unserer inneren Gebundenheit zu arbeiten.

Till: Beobachtest Du in der Realität, dass Leute, die sich intensiv mit Patanjali beschäftigen, auch wirklich "gut" sind?

Eckard: Ich muss dir schon Recht geben. Es reicht nicht aus, sich intensiv mit den Texten des Yoga zu beschäftigen. Was nützt es, wenn wir die Theorien verstehen, die Praxis des Yoga aber nicht leben? Der eigentliche Schatz des Yoga ist nicht in der Bhagavadgita oder bei Patanjali, sondern in uns selbst zu finden. Wir müssen uns also nicht nur mit Patanjali beschäftigen, sondern auch mit der Hilfe von Patanjali an uns selbst arbeiten.

Till: Da stimme ich dir zu. Trotzdem zeigt uns das harte Yogabusiness aber auch viel Scheinheiligkeit.

Eckard: Auch ich frage mich manchmal, ob die Hilfen, die uns Yoga gibt, immer ausreichen. Yoga wirkt, aber es gibt noch vieles andere, was auch auf uns einwirkt. Selbst diejenigen, die Yoga zu ihrem Beruf gemacht haben, können sich nicht nur an ihrer Lehrpraxis erfreuen, sondern müssen sich auch manchen geschäftlichen Herausforderungen stellen, Miete, Steuern, Versicherungsbeiträge bezahlen und sich letztlich auch noch auf dem Yogamarkt behaupten. Oft reicht die positive Wirkung des Yoga nicht aus, um all dem Druck, dem wir heute ausgesetzt sind, auch standhalten zu können. Noch nie standen uns jedoch auch so viele Hilfen zur Verfügung. Yogis sind keine besseren Menschen. Insbesondere die philosophische Praxis des Patanjali zeigt uns jedoch die Möglichkeit, um uns zu besseren Menschen zu entwickeln. Und hierfür bin ich Yoga durchaus dankbar.

tis

Eckard Wolz-Gottwald setzt sich mit der Ethik in der Yogaphilosophie auch in seinem jüngsten Buch Yoga-Sutras im Alltag“ auseinander. Es wurde von den  Mitgliedern des BDY (und Lesern des DYF) zum ‘Yogabuch des Jahres 2014’ gewählt.

Kommentare

Interview

...und ganz spontan kommen diese Worte auf's Papier, nachdem ich dieses
Interview gelesen habe :

Ein riesengrosses Dankeschön dem Yoga, ihr habt recht damit.

Was ist ein besserer Mensch?
Unser Ego sagt immer "ich will und ich will nicht...und klammert sich an
seine eigenen Vorstellungen.(raga, dvesa und abhinivesah)

Wenn uns durch Yoga das Verstehen gekommen ist, wenn wir durch
Verlangsamung und Loslösung klarer sehen können, was wirklich und was
unwirklich ist, welches die "Magic-Show" ist und welches die
Wirklichkeit ist (du und die Welt oder das was ihr zugrunde liegt).
Dann sind wir insofern "bessere Menschen" , weil wir durch unsere Praxis
des" Sich-selbst-erforschens", einander in verstehender Liebe näher
kommen können.
(du bist nicht das was du wahrnimmst...du bist das was wahrnimmt...
so wie das Auge alles sieht,aber nicht sich selbst, weil es das Auge IST...)

Unser "Uebungslabor" Körper-Geist-Mechanismus, haben wir ja immer mit
bei uns:
wir können uns jederzeit, "jetzt, hier, atha, nun"
daran erinnern und eine neue Uebung starten: "Schau einfach nur zu...!!!"

Dieses kleine, abgetrennte, ängstliche Ego-ich, wieviele Irrwege muss es
noch gehen, bis das Erkennen gekommen ist, dass es weder Gebundenheit
noch Befreiung gibt, dass es die eigenen inneren Bindungen sind, welche
zu Leid führen.
Aus avidya (Unwissenheit), entsteht asmita (Ego),mit raga (Begierde),
dvesa (Abneigung) und abhinivesah (Anklammern an das Leben), Patanjali
nennt sie klesas (die Leidbringenden), welche wiederum die vrttis
(Wellen, Bewegungen) hervorrufen und das Zugrundeliegende, den
Urzustand, verhüllen (maya)

Viele Male, immer wieder, auch gerade jetzt, ist mir diese Ausage
Patanjali's durch den Kopf gegangen und in meinen Alltag eingeflossen...
Ganz und gar nicht einfach und bequem, aber es macht trotzdem Spass!!!

Und dann...es war tatächlich ein befreites Ausatmen, zu sehen,wo das
alles stattfindet - "in mir"
Wir sind doch vielmehr eine Einheit!

"Du bist das Problem und du bist die Lösung des Problemes", scheint mir
ein wunderbarer Satz hierzu zu sein.

Wie schön es Patanjali in seinem letzten Sutra IV;34 doch sagt:

"Die Rückkehr der für den Purusa "zweckleer" gewordenen Gunas in den
Urzustand ist Kaivalya, oder das Stillstehen der Bewusstseinskraft in
der eigenen Natur."

Genug der vrtti "Philosophie",

Grüsse an euch alle

"Aus dem Jura"