Schlampenyoga: Yogabusiness an der Westcoast

Dont  jugde a book by its cover – diese amerikanische Redensart trifft offenbar besonders auf den Titel des Bestsellers „Schlampenyoga” zu. Mathias Tietke erklärt, warum man die Beobachtungen der Schweizerin Milena Moser in der amerikanischen Yogaszene trotzdem lesen sollte.

Es mag ja für jene, die mit Leben und Werk der Schweizer Autorin, die sieben Jahre in San Francisco lebte, eine andere, freundlichere Deutung des Wortes „Schlampe“ geben, für alle anderen ist und bleibt es ein negativ besetztes Schimpfwort. Und so stößt der Buchtitel gerade jene vor den Kopf, für die dieses Buch auch gedacht und denen es – aus meiner Sicht – sogar ganz besonders zu empfehlen ist: Yoga-Schüler und -Schülerinnen, Yoga-Lehrern und -Lehrerinnen und allen am Yoga Interessierten. Denn „Schlampenyoga“ beinhaltet eben „kein dummes Zeug auf BILD-Zeitungs-Niveau“, wie es eine befreundete Yogalehrerin mutmaßte, sondern einen offenen, (selbst)kritischen Erfahrungsbericht im Umgang mit Yoga an der Westküste der USA.

Gerade nach Milena Mosers vorangegangenem Buch „Sofa, Yoga, Mord“ (Blessing Verlag 2003), war ich angesichts der Ankündigung des Buches „Schlampenyoga oder Wo geht's hier zur Erleuchtung?“ skeptisch. In „Sofa...“, einem ebenso seichten wie schrillen Roman, stirbt eine „Vorzeige-Yogini“ des „Yama-Yoga“-Studios in Shavasana, „der so genannten Totenstellung“, an Herzstillstand. Wenige Tage darauf kommt die nächste um. Der Verdacht fällt auf Kath, die flächendeckend tätowierte Yogalehrerin, die vorher ein Pornostar war... Eine wenig geglückte Brechstangen-Satire mit Sätzen wie „Sie zog einen frischen Pyjama an, den sie für die Yogastunde morgen gleich anbehalten konnte.“ 

Doch nach den ersten Seiten im „Schlampenyoga“ brach das Eis und mit jedem Kapitel wurde mir Milena Moser mit dieser auf genauen Beobachtungen basierenden, oft urkomischen Dokumentation ihrer persönlichen Yoga-Odyssee vertrauter und sympathischer; ein Mensch, der die eigenen Schwächen ebenso wenig unter den Teppich kehrt, wie die Eitelkeiten und Marotten von Yogastars, Yogaprominenten und  Yogalehrerinnen.

Natürlich: Nicht jeder wird davon begeistert sein zu lesen, dass der gleichermaßen beliebte wie prominente Yogalehrer Rodney Yee mit seinen Schülerinnen Affären hatte, während er offiziell (und explizit in Yogazeitschriften) den lieben Gatten und treusorgenden Familienvater gab. „Bis zur Scheidung eben.“ Oder einem Bericht von der ersten West Coast Yoga Conference als einem Jahrmarkt (!) der Eitelkeiten zu folgen, wo Yoga-Groupies in der ersten Reihe hyperventilieren, wenn ein Star der amerikanischen Yoga-Szene vor ihnen in Badehose und mit Klappmikrofon am Kopf posiert und ihnen kichernd wie augenzwinkernd vom Aktivieren des Mula-Bandha erzählt. Dazu der Spruch, dass das für „alles mögliche!“ gut sei.

Doch Milena Moser belässt es nicht bei kritischen Anmerkungen und der Beschreibung von Missständen. Sie bleibt auf der Suche und findet eben auch überzeugende Lehrer und Lehrkonzepte, zuletzt sind dies T.K.V. Desikachar und dessen Sohn Kausthub, das Herz von Vini-Yoga und der Bezug auf Patanjalis Yoga-Sutra mit einer ernsthaften, persönlichen Auseinandersetzung mit den Aussagen und Interpretationen der Sutras.

Woran die Leser teilhaben, ist eine Entwicklung vom schweißtreibenden Akrobaten- und Teenager-Yoga bei einer Ex-Domina bis zur Erkenntnis: „Nichts gegen Akrobatik – solange man es nicht Yoga nennt. Yoga ohne Pranayama ist nicht Yoga – so einfach ist das.“

Die Autorin bietet einen Erfahrungsmarathon, der primär  in einer Stadt stattfindet, die „vermutlich mehr Yogastudios per Einwohner als Manhatten Psychoanalytiker“ hat. Illustriert werden diese Reflektionen einer Körper-Geist-Seele-Odyssee mit ganzseitigen Schwarz-Weiß-Fotos und integrierten Listen, die sich „Menschen, denen man im Yogastudio begegnet“ widmen, „Unentbehrliche Yoga-Accessoires“ aufzählen oder beschreiben, was „Mein Medizinschrank“ so her gibt. Der erste Punkt dort lautet „Achterbahnen“.

Trotz (s) eines abschreckenden Buchtitels und teils gravierenden Fehlern und Missverständnissen bei Schreibweisen sowie theoretischen Erörterungen zur Geschichte des Yoga und zur Yogaphilosophie, ist Milena Mosers „Schlampenyoga  oder Wo geht´s hier zur Erleuchtung?“ jeder und jedem an Yoga Interessierten sehr zu empfehlen. Zum einen weil es helfen kann, sich Um- oder Irrwege zu ersparen, zum anderen weil es hilft, über sich selbst zu lachen und zudem  überzeugend vermittelt, warum ein Tag mit Yoga ein besserer Tag ist, auch wenn er nicht die Antwort auf alle Fragen ist.

Doch dass Yoga ein geeigneter Weg sein kann, auf alle anstehenden Fragen die richtige Antwort zu finden, dies hat Milena Moser mit diesem Buch ein

drucksvoll dargelegt.

Mathias Tietke /Deutsches Yoga Forum


Zum Thema

Interview: 5 Fragen an Milena Moser

 

 

Preis: 
€7.95
Ausführung: 
Taschenbuch
Verlag: 
Karl Blessing Verlag
ISBN/ASIN: 
3896672789