Interview: Fünf Fragen an Todd Tesen

Er bezeichnet sich ganz bescheiden als „just a man inside a practise“. Dabei zählt Todd Tesen zu den beliebtesten Yogalehrern aus den USA. Er begann als 18-Jähriger mit Gehmeditation, übte lang Ashtanga-Yoga und kam schließlich zu Anusara-Yoga. Ein Gespräch über seine tägliche Praxis, seine Lehrer und warum er nicht mehr Anusara-Lehrer ist – eigentlich aber doch Anusara unterrichtet.

ys: Wie definierst du Yoga?
Yoga bedeutet für mich Identifikation, Verbindung und Beziehung. Diese drei Dinge ziehe ich aus meiner Yogapraxis und dorthin führt auch mein eigener Unterricht. Wenn wir uns mit etwas identifizieren, können wir uns damit verbinden und eine Beziehung eingehen. Dieses Etwas können wir selbst sein, ein anderer Mensch, das Universum, einfach alles.

ys: Seit wann und welchen Stil unterrichtest du?
Ich habe 2003 angefangen, Anusara-Yoga zu unterrichten. Davor hatte ich bereits zehn Jahre Yoga und Meditation praktiziert. Nach der Affäre um John Friend habe ich meine Anusara-Lizenz abgegeben. Meine Praxis hat sich seitdem nicht wirklich verändert. Allerdings fließen in meinen jetzigen Unterricht nicht mehr nur die Anusara-Prinzipien ein, sondern auch Elemente aus anderen Yogarichtungen. Ich muss das Dharma der Schule nicht mehr anerkennen und kann mich dadurch viel freier bewegen. Jahrelang habe ich vor jeder Stunde die Anusara-Invocation gesungen. Als Hatha-Yogalehrer habe ich nun die Freiheit, auch mal ein anderes Mantra an den Anfang einer Stunde zu setzen.

ys: Wie beschreibst du diesen Stil?
Er ist immer noch stark vom Anusara-Yoga geprägt. Ich glaube, dieses System ist eines der Besten, mit dem Körper zu arbeiten. Denn nichts anderes tun wir in der Asana-Praxis. Aber tief im Inneren habe ich mich nie nur als reinen Anusara-Lehrer und –Schüler gesehen. Ich habe mich immer auch für die anderen Facetten im Yoga interessiert. Dinge, die ich in anderen Stilrichtungen gefunden habe. Alles, was für mich im Yoga zu Identifikation, Verbindung und Beziehung führt, fließt in meinen Unterricht ein.


Todd zu Gast beim Yoga Circle in Berlin-Prenzlauer Berg. © Martin Tervoort

ys: Welche Lehrer haben dich geprägt?
Ich studiere seit neun Jahren mit Douglas Brooks, der die Shrividya-Tradition aus dem Hindu-Tantra lehrt. Sein Stil heißt Rajanaka-Yoga. Er praktiziert und unterrichtet alles außer Asana. Außerdem schätze ich meine Lehrer B.K.S. Iyengar, Richard Freeman und David Swenson. In England habe bei der wunderbaren Ashtanga-Lehrerin Jean Hall gelernt. Im Grunde sind alle, mit denen ich studiert oder praktiziert habe, meine Lehrer. Positiv wie negativ. Manchmal macht man in einer Stunde eine schlechte Erfahrung und möchte dieses Erlebnis nie wieder haben. Es war der Praxis nicht dienlich, aber man hat daraus gelernt.

ys: Wie sieht deine eigene Praxis aus?
Am frühen Morgen meditiere ich und singe Mantren. Danach folgt eine 20- bis 50-minütige Asana- und Pranayama-Praxis. Nachmittags habe ich eine längere Asana-Praxis. Ich liebe sie über alles, obwohl ich mich ab und zu auch dazu überwinden muss. Es ist ganz wichtig, sich weiterzuentwickeln. Ich übe sechs Tage in der Woche und mache einen Tag Pause. Ich teile die Praxis über eine ganze Woche auf. Zum Beispiel praktiziere ich montags Rückbeugen, dienstags Stehhaltungen usw. Das dauert mindestens 90 Minuten. Wenn ich tiefer gehen möchte, nehme ich mir mindestens zwei Stunden Zeit. Das Wichtigste an der Praxis ist die Regelmäßigkeit. Alles andere ist nur die Erhaltung der bestehenden Praxis.

Katrin Knauth

 

Fotos: Todd Tesen beim Workshop in Berlin, September 2012. © Martin Tervoort

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Das Gespräch fand im September 2012 bei einem Workshop bei YogaCircle Berlin statt.

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