Buchempfehlung: Yoga – nüchtern betrachtet

William J. Broad gewann als Journalist Preise, arbeitet für die New York Times und übt seit 40 Jahren begeistert Yoga, beste Voraussetzungen also für sein kritisches und dringend notwendiges Buch darüber, was Yoga kann – und was es nicht kann. Er räumt mit falschen Marketingbehauptungen auf und eröffnet damit die Chance, Yoga neu und gewinnbringender zu erleben. Katrin Knauth hat es für yogaservice.de gelesen.

Wer die aktuelle Ausgabe des amerikanischen Yoga Journals (September 2013) durchblättert, bekommt es mal wieder schwarz auf weiß vor Augen geführt: Eine regelmäßige Yogapraxis bietet viele Vorteile. Sie lindert Rückenschmerzen, verbessert den Schlaf, reduziert Ängste und Depressionen. Zu weiteren Versprechungen zählen allgemein auch Langlebigkeit, persönliche Reifung und Gewichtskontrolle. Kein Wort über Risiken und Schäden. Doch was steckt tatsächlich hinter den verheißungsvollen Heilungskräften? Welche wissenschaftlichen Studien belegen die segensreichen Eigenschaften? Steckt dahinter nicht längst ein milliardenschweres Business? Der Journalist und Bestseller-Autor William J. Broad hat dafür hinter die Kulissen geschaut und jahrelang recherchiert, was Yoga wirklich kann – und was nicht. Broads Buch „The Sciene of Yoga“ ist in diesem Frühjahr in deutscher Übersetzung erschienen.

So hinterfragt er gleich im ersten Kapitel, ob Yoga „fit“ mache; fit im Sinne von Ausdauer und Herztraining. Das wird zwar oft behauptet (auch im Yoga Journal), lässt sich aber durch keine wissenschaftliche Studie belegen. Sein Fazit:„In den letzten Jahren haben viele Menschen gelernt, die übertriebenen Behauptungen und die dreisten Gurus (mit oder ohne Rolls-Royce-Flotte) zu ignorieren. Sie heben Gewichte, um Muskeln aufzubauen, und laufen, um ihr Herz zu trainieren, auch wenn sie zusätzlich Yoga betreiben, um ihre Beweglichkeit zu erhöhen und die anderen Vorzüge zu genießen. Sie werden als Cross-Trainer bezeichnet." Und weiter: "Cross-Training hat keine Gurus, keine Schulen, keine Gebühren und keine Interessengruppen.“ Dieser Teil der Yogaszene scheint den Autor aus nachvollziehbaren Gründen zunehmend zu nerven – und zwar als begeisterter, ausdauernder und neugieriger Yogi, der die „Vorzüge“ des Yoga durchaus kennt und in seinem Buch auch unterstreicht.

Er benennt aber eben auch die Gefahren. Das machte das Buch berühmt. Die Veröffentlichung der amerikanischen Originalausgabe und insbesondere ein Auszug daraus, der in der New York Times erschienen war, sorgte 2012 schon für allerhand Wirbel in der internationalen Yogagemeinde. Wollte William Broad mit dem Beitrag „How Yoga Can Wreck Your Body“ das gute Image der Jahrtausende alten Lehre aus Indien vom Sockel stoßen? Keineswegs, wie die Lektüre seines Buches zeigt. Broad zeigt vielmehr ein Gesamtbild der Risiken und Belohnungen, die Yoga verspricht. Er bringt etwas Ordnung in das Durcheinander, das Yoga umgibt und enthüllt so einige Mythen. Vor allem bezieht er sich auf wissenschaftliche Studien und nicht nur auf Behauptungen von einschlägigen Hochglanz-Magazinen und Internetseiten.

Die Lektüre der 337 Seiten ist im wahrsten Sinne erleuchtend. So beschäftigt sich Broad im Kapitel „Stimmungen“ mit dem Sauerstoff-Mythos. Immer wieder wird behauptet, dass die Gelassenheit durch die Yoga-Praxis aus der erhöhten Sauerstoff-Zufuhr resultiert. Dieses Argument ist allerdings wissenschaftlich widerlegt. Eher das Gegenteil trifft zu. Schnelles Atmen wie zum Beispiel bei der Bhastrika-Atmung (Blasebalg-Atmung) raubt dem Gehirn Sauerstoff. Das hat damit zu tun, dass „das fallende Kohlendioxidniveau dazu führt, dass sich die Hirngefäße zusammenziehen, was den Sauerstofffluss verringert...“ Folgen können Schwindel, Benommenheit und in Extremfällen sogar Ohnmacht sein. Es klingt zunächst verrückt, doch durch Broads wissenschaftlich belegte Argumente nachvollziehbar.

Es ist nicht nur, dass Yoga nicht alle seine positiven Versprechungen einhält. Yoga kann auch Schaden anrichten. Darauf geht Broad in dem Kapitel „Verletzungsrisiko“ ein. Muskelrisse, ausgekugelte Gelenke und Rippenbrüche sind die harmloseren Fälle. Yoga-Asanas – und zwar oft dann, wenn man sie falsch ausführt – haben schon zu Nervenschäden und Schlaganfällen geführt. Unzureichend ausgebildete Lehrer und Ego-besessene Schüler werden als häufige Verletzungsursachen angeführt. Stellungen wie Kopfstand, Schulterstand und Halasana werden dabei besonders gefährlich eingestuft.

Das Buch führt auf eine Studienreise durch die Yoga-Geschichte - und räumt auch hier (ähnlich wie „Yoga Body“, das Broad als Literaturempfehlung aufführt) mit Mythen auf: Anfang des 19. Jahrhunderts waren Yogis in Indien Showmänner und Vagabunden, die ihre vermeintlichen Zauberkräfte auf Jahrmärkten aufführten. Yoga war ein mystisches Wunderland verbunden mit zwielichtigen sexuellen Praktiken. Viele „Yogis“ rauchten Ganja, kauten Opium und ließen sich bei lebendigem Leibe bestatten. Der Großteil waren ausgebuffte Scharlatane, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Broad machte in Kalkutta den ersten Wissenschaftler ausfindig, der sich mit diesen Mythen befasste und schon seinerzeit versuchte, Yoga davon zu befreien.

Auch wenn das Buch immer wieder einen starken Bezug auf das amerikanische Gesundheitssystem, die US-Medien und die amerikanische Yoga-Gemeinde herstellt, sind die von Broad untersuchten Yoga-Studien universell gültig. Von den wissenschaftlichen Fachbegriffen sollte man sich als Leser nicht abschrecken lassen. Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und für alle, die mit Yoga professionell zu tun haben oder tief verstehen wollen, ein nützliches Studienbuch. Es liefert sehr viele Fakten und macht endlich einmal tabula rasa mit der Behauptung Yoga sei ein Allheil- und Wundermittel.

Katrin Knauth

Preis: 
€22.00
Ausführung: 
Gebundene Ausgabe
Verlag: 
Herder Verlag
ISBN/ASIN: 
978-3451306853

Zum Thema

Zum Artikel „How Yoga can wreck your body“ (New York Times)

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