Buchempfehlung: Ana, die Yoga-Kriegerin

„Ich glaube nur an das, was für mich funktioniert“, schreibt sie. Und in ihrem Leben musste es funktionieren. Die Ausgangsbedingungen waren für Ana Forrest denkbar schlecht, doch heute gehört sie zu den stärksten, eindrucksvollsten Lehrerinnen der internationalen Yogaszene. Kürzlich erschien ihr Buch. Friederike Meissner beschreibt den Mix aus Autobiographie und Übungsanweisung.

„Evolve or die! – Entwickle dich oder stirb“ ist einer ihrer Leitsprüche, sie hat ihn sogar auf T-Shirts drucken lassen. Ana Forrest scheint keine Kompromisse zu kennen, keine Zeit für Bullshit. Gefühlte fünf Minuten im Krieger in einem 27 Grad aufgeheizten Yogaraum in einem ihrer Workshops geparkt zu werden, hat schon den ein oder anderen Teilnehmer an seine physischen, emotionalen und geistigen Grenzen gebracht. Die einen lieben sie dafür, für ihre Direktheit und Eigensinnigkeit. Die anderen reagieren mit Unverständnis.

Nun ist beim Allegria Verlag Mitte Mai die deutsche Ausgabe ihres Buches „Fierce Medicine“ mit dem Titel „Die Yoga-Kriegerin“ erschienen. Es ist kein  gewöhnliches Yogabuch, wie die Gründerin von Spirit Yoga Berlin, Patricia Thielemann, treffend im Vorwort beschreibt; Patricia ging in Los Angeles lange bei Ana in die Lehre. Und sie lernte dort weit mehr als nur Asanas, Pranayama und Meditation. So wie es in diesem Buch um weit mehr als „nur“ um diese Art von Yoga geht. Es geht buchstäblich um Leben und Tod, den Zyklus des Lebens.

Ana wurde bereits mit körperlichen Behinderung geboren, die ein Arzt linkisch behandelte. Ihr Zuhause hat sie als dreckig, eng und stinkend in Erinnerung. Sie wurde als unter Drogen missbraucht, erst von ihrer Mutter, dann von Männern, sie betrank sich schon als Jugendliche, um den Schmerz zu betäuben, nahm später die härtesten Drogen. Es ist nicht so, dass nicht auch anderen Menschen solche Schmerzen zugefügt wurden – aber Ana gehört zu den wenigen, die sich davon nicht in die Knie haben zwingen lassen.

Ihre Rettung kam durch ihren Kontakt mit Pferden. Sie arbeitete auf einer Pferdezucht als Teenager, hütete Pferde allein draußen in der Wüste. Das gab ihr Halt, stählte ihren Körper, gab ihr Selbstbewusstsein. Später lernte sie bei indianischen Medizinmännern ihre körperlichen und emotionalen Schmerzen der Kindheit zu überwinden. Mit Yoga begann sie sich mit 14 zu befassen, kratzte ihr allerletztes und geliehenes Geld für eine Yogalehrer-Ausbildung zusammen, (zu der sie halb betäubt durch Drogen und Schlafentzug kam). Seit sie 18 ist, unterrichtet sie. Und heute mit über 60 führt sie noch die akrobatischsten, kraftvollsten Yogahaltungen vor. Es ist unvorstellbar, dass sie einmal als verkrüppeltes Kind zur Welt kam.

Ihr Gesicht auf dem Cover zeigt die Spuren ihres intensiven Lebens deutlich. Man kennt viele Fotos von Ana in kühnen Yogahaltungen und markant nach hinten geflochtenen Pferdeschwanz, ähnlich einem Dressurpferd. Doch hier präsentiert sie sich als friedvolle Kriegerin mit offenen Haaren und ganz offenen weichen Augen in einer schlichten Sitzposition ohne jeden yogischen Schnörkel. Eine Körpersprache, die zeigt „ich bin bereit, meine wahre Lebensgeschichte zu erzählen und euch gleichzeitig Werkzeuge für die Transformationen des Lebens, basierend auf eigenen Erfahrungen und erprobt an 100 und 1000 Schülern, mitzugeben, die ich bis jetzt unterrichtet habe.“

Ana Forrest mit Kurzinterview und Praxis bei expressoHealth. ©Youtube

Im Forrest-Yoga geht es darum zu erkennen, was jetzt, in diesem Moment; was gerade mit einem passiert und wie man darauf reagieren kann. Es geht darum, den Weg der Heilung für sich zu erarbeiten. Bei der Heilarbeit mit den Medizinmännern hat Ana festgestellt, dass der Körper Geschichten erzählt und uns immer die Wahrheit sagt – wenn wir ihm zu hören. Ihr Ansatz: Schmerzhafte Erfahrungen sind im Muskelgewebe abgelagert. Durch Yoga kommen sie an die Oberfläche. Anas Anleitungen zielen darauf ab, alles zu spüren und anzunehmen: wahre Schönheit dieser Erde ebenso wie die Mühen, die Oberfläche wie die Tiefen. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Sie lernte jeden Aspekt des Selbst wie die Facetten eines Edelsteins zu betrachten und ihnen Sinn und Zweck zuzusprechen. In ihrem Buch wünscht sie sich auch für den Leser, dass er lernt, auf die Geschichte seines Körpers zu hören. Ihm beibringen, seine Wahrheit auszusprechen und ermuntert ihn, aktiv zu werden mit den Worten: „ Wir alle haben die Verantwortung und sind in der Lage den Weg zu gehen, den uns unser Spirit vorgibt. Das bedeutet – walking in beauty.“

In elf Kapiteln navigiert Ana den Leser gekonnt auf der Jagd nach angstbasierten Glaubenssätzen und hilft uns, uns von Schmerzen und Blockaden zu befreien. Sie zeigt und ermutigt uns, angstbasierten Entscheidungen abzuschwören. Den Rahmen schaffen neben dem Lektüreerlebnis die Beschreibungen ihrer Yogahaltungen, Meditationen wie das Nachspüren von Emotionen im Körper. Wir entwickeln gemeinsam mit ihr ein Kriegerherz, das offener, aufgeschlossener und reflektierender ist und die Fähigkeit entwickelt, die Welt zu fühlen, ohne das eigene Leid und das der Welt allzu tief in sich verwurzeln zu lassen. Schritt für Schritt fühlt man sich zu Veränderungen im Leben ermutigt und dem eigenen Herzenswunsch zu folgen.

„Lunge“, „Down Dog“, „Dolphin“, „Elbow to knee“ oder „Uddiyana im Horse stence“ – für den Forrest-Aficionado ist es es das kleine Einmaleins:  schwarz-weiss Abbildungen zeigen an passender Stelle die Standard Forrest-Yoga Asanas (A.d.R.: Yogahaltungen) und Atemübungen. Sie gehören nicht unbedingt alle zum klassischen, von B.K.S. Iyengar so stark beherrschten Asana-Katalog. Auch schamanische Heilarbeit fließt in die Übungen und Zeremonien mit ein. Zu den Highlights gehört die „Todesmeditation“. Sie ist auch fester Bestandteil von Anas Lehrerausbildungen und geht von der Frage aus: Was würdest du bei der Vorstellung, du müsstest in Kürze sterben, wirklich noch so beibehalten und weitermachen wie bisher? Was würdest du sofort loslassen, was würdest du dagegen noch mehr schätzen, genießen, feiern? Die Todesmeditation fordert, unsere Aufmerksamkeit in diamanter, scharfer Klarheit auf das auszurichten, was uns – ohne jeden Bullshit – wirklich wichtig ist.

Fazit: Das Buch ist ein Muss sowohl für den eingefleischten Forrest Fan als auch für alle Freunde der spirituellen Suche, die sich für yogabasierte, schamanische Heilarbeit interessieren. Es ähnelt allerdings weder einem gängigen Ratgeber für alle Lebenslagen, noch ist es ein reines Forrest-Yoga Asana Handbuch. Hier ist der Autorin ein Brückenschlag gelungen, durch den sich Yoga Asana, Ratgeber und Autobiographie gegenseitig verstärken. Die drei Handlungstränge verflechten sich harmonisch ineinander. Es liest sich unterhaltsam, wir tauchen gefesselt in die Höhen und Tiefen des Lebens der Autorin, verfolgen ihren Werdegang als Yogalehrerin. Sie lernte auch bei B.K.S. Iyengar in Indien (der sie aber weder beeindruckt noch überzeugt hat, von den Saddhus auf Indiens Straßen lernte sie mehr, schreibt sie). Auch ihre intensiv erlebten Liebesbeziehungen und Ehen, die passagenweise an die Lebenserinnerungen von Uschi Obermeier erinnern, kommen nicht zu kurz. Gleichzeitig stupst sie immer wieder unser Herz an; fordert immer wieder auf, bei sich zu schauen, was einem wichtig ist. Ein Yogaleseschmöker für Lebensathleten.

Friederike Meissner

Preis: 
€19.99
Ausführung: 
Taschenbuch
Verlag: 
Allegria
ISBN/ASIN: 
978-3793422297