Asana-Forschung: Bei Rod Stryker nachgefragt

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Yoga ist ein Jahrtausende altes Übungssystem – und doch gibt es manche Asanas keine 60 Jahre. Die alten Rishis übten anders als wir heute. Doch wie entstanden die einzelnen Asanas? In unserer Serie „Asana-Forschung“ fragen wir das Experten, in dieser Folge den Tantriker und Gründer von Para-Yoga, Rod Stryker. Dieses Jahr wird er für die 8. Yoga Conference Germany nach Köln kommen und in der Pre-Conference sogar einen ganztägigen Workshop geben.

ys: Rod, als wir die Hatha Yoga Pradipika lasen, fanden wir darin nur ein gutes Dutzend Übungen beschrieben. Woher kommen all die anderen Asanas her, die man heute übt?

Es hilft, bei der Entwicklung des Yoga zwei Linien ins Auge zu fassen. Zur einen gehört die Hatha Yoga Pradipika, die wiederum Teil eines viel größeren, tantrischen System ist. Hier steht die Energie im Körper im Vordergrund. Den richtigen Umgang mit Prana fand man wie die Nadis und die Chakren, durch Ausprobieren heraus. Auch die Lehren des Ayurveda flossen in den Text ein. Er beschreibt uns nicht nur die Ausführung von Körperübungen, sondern auch intensive mentaler Übungen wie Intention, Visualisierung, Kriya (Reinigungstechniken, Anm. d. Red.), Atem halten und so weiter.

Um die Praxis heute zu verstehen, müssen wir allerdings auch die andere Entwicklungslinie sehen: Es gibt parallel den Ansatz, den Körper – oder besser: den Widerstand des Körpers – dazu zu nutzen, ihn zu überwinden und sich davon zu befreien. In manchen Stilrichtungen, die während der vergangenen 30 Jahre beliebt wurden, liegt die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf Tantra, Ayurveda und dem Thema Energie rund um Yoga. Hier dreht sich alles um Asanas. Sie bedeuten Meditation, geistige Herausforderung, sie gelten als spirituell. Bikram-Yoga ist so ein Beispiel. In deren Augen ist es ein in sich vollständiges System. 

Über ein Jahrtausend lang entwickelte sich Yoga entlang dieser beiden Linien: Grundlage einer tieferen, transzendenten Praxis oder Asanas als einfache Methode der Körper-Meditation oder Geistessammlung. Beide Ansätze sieht man heute wiederkommen.


Rod Stryker, Köln, 2010. © yogaservice.de

ys: Und wie entstanden die Asanas?
So ganz genau lässt sich das nicht erklären. Es gibt keine archäeologischen Funde, die uns die Entstehung zeigen. Die Archäologen fanden zwar diese Siegel im Hindustal. Die zeigen allerdings Asanas, die selbst für die meisten Fortgeschrittenen unausführbar sind. Mulabhandasana zum Beispiel erfordert enorm viel Flexibilität in Beckenboden und Hüftgelenken. Keines der Siegel zeigt aber so etwas wie Trikonasana. Das ist auffällig; erst in den letzten Jahrhunderten begann man, stehende Haltungen zu üben.

Die Systeme, die sich in Asanas als körperliche Übungsform erschöpfen, lassen sich als Experimentierfeld verstehen. Man erforscht die Grenzen des Körpers und wie er sich bewegt. Jeder, der diese Erfahrungen gemacht hat, weiß, wie gut es sich anfühlt, sich über in der Auseinandersetzung mit diesen Widerständen auch geistig zu  befreien. Durch diese Experimente entstanden zweifelsohne Asana-Formen in dieser Entwicklungslinie des Yoga.

Manche Yogalehrer schreiben allerdings auch, dass die alten Weisen die Natur beobachtet und imitiert haben. Die Namen der Asanas – Kobra, Schildkröte, Löwen-Atmung oder Pfau (Mayurasana, Anm. d. Red.) – legen das nahe. Ihre enge Beziehung zur Natur verlieh ihnen einen Sinn für das Einzigartige bestimmter Kreaturen, wie beispielsweise für die Stärken des Pfaus. Der hat große Abwehrkräfte gegen Gift und ist damit auch der Kobra überlegen: Ihr Biss kann ihm nichts anhaben. Aber  wenn du dir den Körperbau eines Pfaus anschaust – ein riesiger Unterleib mit langen Schwanzfedern und ein kleiner, mutiger Kopf: Seiner Konstruktionsform nach dürfte der eigentlich gar nicht stehen können. Die Erklärung der Weisen war: Der hat so einen enormen Unterleib, da muss die Kraft für dieses Standing herkommen – und für die Abwehr des Schlangengifts. Also entwickelten sie diese Übung, ihren eigenen Unterleib zu stärken.

Und schließlich gibt es noch einen Ansatz, in Sanskrit heißt er Kriya Bati. Das sind spontane Bewegungen, die der Körper im Erleuchtungszustand ausführt. Er folgt dabei einer eigenen, inneren Intelligenz, nicht dem Intellekt. Die Schüler der Erleuchteten haben diese Bewegungen beobachtet, dokumentiert und so ebenfalls zum wachsenden Repertoire an Yogaübungen beigetragen.


Rod Stryker bei der Yoga Conference Germany 2010. © yogaservice.de

ys: Was für eine Rolle spielen Asanas im Tantra?
Für mich stellen Asanas ein Element einer Wissenschaft mit vielen Dimensionen dar. Sie wirken am besten und tiefsten, wenn sie mit dem Verständnis der beteiligten Energien ausgeführt werden. Ich erkläre das gerne mit dem Beispiel der Akupunktur. Wenn du in ein Akupunktur-Studio gehst, siehst du diese Tafeln mit all den Meridianen, präzise gezeichnete Linien, die die Akupunkturpunkte mit Magen, Herz oder Blase verbinden. Aber es gab Zeiten ohne diese Tafeln. Da mussten die Akupunkteure die so sehen oder fühlen. Und so wie die alten Taoisten sahen auch die ersten Yogis im Körper die Wege, wie sie Energie freisetzen und erhöhen konnten. Im Erleuchtungszustand ist dieser Energiefluss am stärksten. Bewegungen sind besser als die Theorie über eine bestimmte Ausrichtung. Es hat mehr mit Achtsamkeit und Gefühl zu tun. Achtsamkeit führt uns in eine bestimmte Haltung.

Du kannst die Sache von zwei Seiten sehen: Wenn du eine Schildkröte betrachtest und dich auf das Bewusstsein der Schildkröte einlässt, dann bewegst du dich wie eine Schildkröte und entwickelst daraus die Haltung. Oder wir bewegen uns eher spontan nach einer inneren Intelligenz, ohne eine bestimmte Evolutionsstufe der Kreaturen zu imitieren. Wir wissen nicht genau, welche der beiden Seiten bestimmend ist. Ich vermute, es ist eine Mischung aus beidem. 

ys: Und wir wissen demnach auch nicht, wann die Asanas entwickelt wurden?
Nein. Die Siegel, über die ich sprach, sind rund 8000 Jahre alt. Und interessant daran ist: Es waren auch Frauen, die Asanas übten, nicht nur Männer.

ys: Es gibt die Auffassung, dass manche Asanas, die wir heute üben, keine 60 Jahre alt sind....
Das passt zu meinem Hinweis, dass im modernen Yoga so viele stehende Haltungen geübt werden. Herr Iyengar hat viele stehende Haltungen entwickelt. Sie sind physisch stärker, nicht aber in energetischer Hinsicht. Wenn du dich an den Pfau erinnerst: Er wird auf dem Boden geübt. Das Gleiche gilt für Ardha Matsyendrasana (sitzende Drehung, Anm. der Redaktion). Sitzende Drehungen, sie sind schlicht, und auf dem Boden.

Viele denken, ihr Körper reicht vom Scheitel bis zum Zeh. Das stimmt aber nicht, nicht im Yoga. Hier geht der Körper von der Kehle bis zum Beckenboden. Arme und Beine sind Extremitäten, wie das Wort sagt: sie sind außerhalb. Sie zu dehnen, bringt weniger Power. Die kraftvollsten Übungen stretchen meinen Körper, sie wirken auf Solarplexus, Nabel, Becken.

 

ys: Es ist interessant, welch großen Einfluss B.K.S. Iyengar auf die vorgeblich richtige Ausführung der Asanas im modernen Yoga hat. Du bist Tantriker. Gibt es hier eigenen Vorgaben, wie ein Asana richtig oder falsch ausgeführt wird?
Tantra lässt sich nicht so leicht festlegen. Die einfache Philosophie lautet: Wenn es funktioniert, setze es ein! Den Körper dazu einzusetzen, wacher oder erweckter zu werden, ist in diesem Sinne tantrisch. Die meisten Traditionen sagen, der Körper führe von Gott weg. Der Körper gilt als unrein, nicht göttlich, sondern wird sogar mit Satan gleich gesetzt. Tantra dagegen sucht den Weg zum Höheren durch den Körper. Das Gebot lautet hier: Meistere deinen Körper! Die tantrische Praxis des Hatha-Yoga richtet sich aber nicht auf das Körperliche selbst aus. Es geht mehr um innere Blockaden, Bandhas, das Erwecken von Energien. Kundalini ist ein Konzept aus der tantrischen Praxis. Hatha-Yoga dient dazu, den Körper zu reinigen und zu stärken, um zu dieser höheren Praxis zu kommen. Mudras und Bandhas spielen dabei eine zentrale Rolle. Für die Praxis heute gilt allerdings auch: Unser Leben ist stressiger, es gibt mehr Zerstreuung und Stimulation. Deshalb arbeite ich mit dem Repertoire der bekannten und beliebten Asanas. Das bietet den Leuten beruhigende Kontinuität. Und schafft so die Voraussetzung für energetisch intensivere Übungen.

ys: Manche Yogalehrer ermutigen ihre Schüler, die Asanas zu modifizieren, wenn sie sich nicht gut anfühlen. Andere dagegen, vor allem in der Tradition von B.K.S. Iyengar machen präzise Vorgaben und setzen lieber Hilfsmittel ein, damit auch Anfänger oder nicht so flexible Übende diese Vorgaben genau einhalten. Wie ist deine Position in dieser Diskussion?
Es gibt in der Tat zwei Grundkonzepte. Das eine folgt der Idee von Yoga als Haltung. Eigentlich bedeutet es, der Student muss sich an die Idee des Yoga anpassen, er muss in die Form passen. Das andere Konzept stellt die Frage nach der Funktion einer Haltung. Ein Asana verfolgt bestimmte Ziele, die aber in bestimmten Fällen nicht erreicht werden, selbst wenn das Asana korrekt nach den Vorgaben ausgeführt wird. Wenn der Schüler beispielsweise sehr flexibel ist, kann es sein, dass er jahrelang Trikonasana (stehendes Dreieck, Anm. d. Red.) übt, ohne dabei je eine nennenswerte Dehnung zu erleben. Dann muss man das Asana an den Schüler anpassen. Also, was ist wichtiger, Form oder Funktion? In meinen Augen ist es die Funktion. Yoga muss den Schüler erreichen – und nicht umgekehrt, der Schüler für Yoga passend gemacht werden.

ys: Vielen Dank für das Gespräch.

tis

Artikelfoto: Rod Stryker in Janu Shirshasana © Promo

 

Rod Stryker stellt im Juli 2011 über sein neues Buch „The Four Desires“ vor und beantwortet Fragen. © WanderlustFestival

Zum Thema

Rod Stryker ist Gründer der Stilrichtung Para-Yoga und einer der wichtigsten Tantriker der westlichen Yogaszene

Zur diesjährigen 8. Yoga Conference Germany in Köln vom 25. bis 28. Mai 2012 steht er bereits in der Pre-Conference mit einem ganzjährigen Workshop auf dem Programm.

Zur Internetseite von Rod Stryker

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Weitere Folgen unserer Serie „Asana-Forschung“

Praxisbericht: Workshop bei Rod Stryker "Die Juwelen des Yoga"

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